Nr. 12 a | Neujahr 2012

Auf ein Neues!

Liebe Freunde, Kollegen, Medienschaffende,

der Januar hat uns kalt erwischt. Wir geben es ihm eiskalt zurück.
Denn die neue Ausgabe von Escapade rächt sich an einem Monat, der so ganz ohne Feiertage daherkommt und scheinbar endlos lang vor uns liegt.
Wie? Seht selbst!

Neugierig sein könnt Ihr auch auf unseren neuen Auftritt – denn Escapade hat sich im nun dritten (!) Jahr des Erscheinens einige Neuerungen und eine andere Web-Adresse geleistet. Kreiert hat uns dies alles der Online-Redakteur und Web-Designer Markus Schipke aus München. Ihm an dieser Stelle – wie natürlich auch an alle treuen Leser – ein herzliches Dankeschön.

Ihr findet uns ab sofort unter:

www.escapade-belles-lettres.de

Bleibt also auf unsere “schönen Briefe” auch in 2012 weiter gespannt. Wir sind es auch...

Eure
Silke Vogten und Flora Jörgens


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Nr. 12 Dezember 2011

Escapade_head_12-2011

Editorial

Liebe Freunde, Kollegen, Medienschaffende,

eigentlich wollten wir anderweitig unterwegs sein. Aber dann überkam uns der Jahresendzeit-Glamour-Rausch. Wohin also? Köln? Massenware, lauwarmer Glühwein und stinkende Reibekuchenbuden. Letztes Jahr ging es mit Escapade belles-lettres vor Weihnachten immerhin nach New York...

Aber jetzt haben wir mit zwei aktuellen Buchveröffentlichungen tatsächlich eine Direkt-Verbindung zwischen der Stadt am Rhein und der am Hudson. Durch Robin Meloy Goldsby und die Fotografen Dirk Bannert und Klaus Wohlmann. Mehr muss an dieser Stelle gar nicht verraten werden, denn es fängt direkt an zu glitzern.

Und eine Weihnachts-Überraschung für Euch: am 18. Dezember öffnen wir bei einer Lesung jede Menge Päckchen. Und zwar in: Köln. Da gibt es dann: .... Überraschung! Jedenfalls keinen lauwarmen Glühwein. Wir stoßen mit Stiel und Stil an, Champagner bitte. A votre santé,

Eure,
Flora Jörgens und Silke Vogten

Straenszene

Foto: Dirk Bannert

Die Autorin des folgenden Textes, Robin Meloy Goldsby, lebt in der Nähe von Köln. Vor dem gerade erschienenen Kurzgeschichtenband "Walzer der Spargelmenschen" hat sie bereits zwei Bücher veröffentlicht: "Piano Girl" und "Rhythm". Eigentlich ist Goldsby Musikerin, hat in verräucherten Kneipen wie in noblen Hotels NYCs Klavier gespielt. Sie schreibt Lieder u.a. für Till Brönner, Curtis Stigers Jessica Gall, hat das Kindermusical "Hobo & Die Waldfeen" verfaßt und mehrere CDs herausgebracht. Aktuell, passend zum Buch, "Waltz Of The Asparagus People". www.Robingoldsby.com Am 11. Dezember gibt es von ihr auf Schloss Lerbach in Bergisch-Gladbach wieder ein "Konzert im Kerzenschein", ab 18 Uhr. (mit Dinner Reservierung: 02202/2040)
In der Geschichte "Mr. President" kommt sie für ein Interview beim Radiosender NPR nach New York und gerät noch müde vom Flug erst ins hektische Straßenchaos und dann in eine absurde Geschichte....

New York - Köln

Mr. President Teil I

Lieferwagen, Taxis, schicke Limousinen, Schrottkarren, Busse und Vans, bei denen man die Ursprungsfarbe kaum noch erkennen kann, die Scheiben verschmiert, stauen sich auf der Kreuzung. Eine aufgemotzte weiße Limousine - eine von denen, die angeblich auf dem Rücksitz eine Badewanne haben - bremst scharf, nur Zentimeter vor meinen Füßen. Ist da einer drin? Puff? Daddy?
"Ich versuche, hier rüberzugehen!" kreischt eine aufgebrachte Schwangere, die einen Kinderwagen von der Größe eines Karnevalsprunkwagens vor sich herschiebt. Das Gefährt kippelt auf dem Bordstein, während sie auf die Limousine einhämmert. "Mach bloß, dass du hier wegkommst!"
Die verdunkelte Scheibe rollt herunter.
"Fick dich!" brüllt der Fahrer - eine Frau in einem engen, schwarzen Anzug mit einem kecken Hut. Sie sieht aus wie ein Drehorgeläffchen. "Ich hab hier zu tun. Leg dich nicht mit mir an, Mädel. Hab 'ne Knarre. Lass die Flossen von meinem Auto."
Die Ampel schaltet um. Sie blinkt: WALK, WALK, WALK. Ich frage mich, ob man bei DON'T WALK eher rennen soll. Ich überquere die Straße. Die meisten Leute, die mir entgegenkommen, reden laut auf ihre Handys ein und haben riesige Wasserflaschen dabei. Sie sehen alle zu jung aus, zu dünn, zu durstig. Ein gebrauchtes Papiertaschentuch fliegt durch die Luft, bleibt an meinem Knöchel hängen. Während ich dem übel riechenden Dampf ausweiche, der aus einem Kanaldeckel wabert, bewundere ich den hochhackigen Stakselgang einer Frau in einem genoppten rosa Chanel-Kostüm. Wo sie wohl hingeht? Wo gehen die Leute überhaupt alle hin?
Ich schaue auf meine Uhr und lege einen Schritt zu, um einem Mann auszuweichen, der einen Schwarm Tauben Körner zuwirft, ich wehre den glitzernden konfettiartigen Körnerregen ab, der auf mich niederprasselt. Sieht aus wie Sternenstaub, ist es aber bestimmt nicht. Ich frage mich, wie ich jemals hier leben konnte - oder warum ich jemals weggegangen bin.

Als ich die Ecke Second Avenue und 42nd erreiche, wird der Grund für den Stau ersichtlich. Der Verkehr wird weiträumig um das NPR-Gebäude herum in Nebenstraßen umgeleitet. Muss wohl jemand Wichtiges in der Gegend sein. Oder ein Filmteam. Ich schaue hoch, in der Hoffnung, Toby Maguire an einem Fensterbrett hängen zu sehen und laufe in meine Presseagentin Nina Lesowitz hinein. Ich liebe Nina. Sie ist optimistisch, begeistert und erbarmungslos. Genauso, wie eine Presseagentin sein sollte. Und noch viel mehr.
"Ist das aufregend, oder was?" begrüßt sie mich.
"Was? Die Sendung? Ich bin ziemlich nervös."
"Vergiss die Sendung! Irgendwer Wichtiges ist hier."
"Hier? Beim NPR? Wer denn?"
"Keine Ahnung, die Sicherheitsleute sagen nichts. Vielleicht Bush!"
"Oh, toll."
"Vielleicht auch Mandela! Oder Springsteen."
"Ich glaube nicht, dass sie für einen Musiker den Verkehr umleiten würden, Nina."
"Aber wenn es die Streisand ist! Oh mein Gott, ich würde sterben! Hey, was ist das auf deiner Jacke? Es glitzert. Du machst aber auch immer verrückte Sachen."
Ich schwanke vor Müdigkeit, an meiner Ferse fühle ich eine Blase. Ich muss den geheimnisvollen Prominenten vergessen und mich auf meinen Auftritt konzentrieren. Kann ich auf Befehl reizend sein, vor Millionen von Zuhörern?
Ein kräftiger Mann mit einem Clipboard hakt unsere Namen ab, sieht sich unsere Ausweise an, spricht in sein Funkgerät und schickt uns in die Lobby.
"Wer ist der Promi?" ruft Nina ihm über die Schulter zu. "Ich hasse das. Ich hasse es, nicht Bescheid zu wissen!"
"Kann ich nicht sagen, Lady. Tut mir leid. Darf ich nicht."
Wir fahren mit dem Aufzug hoch zum Studio. Kräftige Sicherheitsleute umringen uns.
"Oh, oh, oh! Wer ist es bloß?" Nina wischt Glitzerkörnchen von meiner Jacke.
Wir werden dem Toningenieur vorgestellt, der uns mitteilt, dass Jennifer Luden in Washington das Gespräch mit mir per Konferenzschaltung führen wird. Ich versuche, cool zu bleiben, aber die Vorstellung einer Schaltung irritiert mich.
"Vielleicht ist es Cher!" sagt Nina.
Ich überfliege meine Themenliste.
"Oder der Papst!"
Der Toningenieur justiert meinen Kopfhörer, und wir machen eine kurze Stimmprobe.
"Vielleicht sind es Paul und Heather!"
Ich bemerke einen kleinen Kaffeefleck auf meinem Hosenbein. Wenigstens ist das hier nicht Fernsehen.
"Oder Dick!"
"Dick?" frage ich.
"Cheney!"
"Ach ja. Dick." Meine Hände sind feucht. Und mein Hals ist trocken. "Nina, ich könnte ein Glas Wasser gebrauchen."
"Und wenn es Madonna ist? Gott sei Dank habe ich meinen Fotoapparat dabei. Wir müssen Fotos machen."
Der Toningenieur scheucht Nina in die Regie, und ich mache eine Stimmprobe mit Jennifer in Washington. Es kann losgehen. Mein Gesicht glüht. Ich komme mir vor wie im falschen Film.
Gerade als der Toningenieur die Aufnahme starten will, springt Nina von ihrem Stuhl auf und winkt wie wild mit den Armen.
"Einen Moment noch, Robin", höre ich den Toningenieur im Kopfhörer.
Ninas Mund geht auf und zu. Dann zeigt sie in Richtung Lobby. Ich versuche, sie zu ignorieren.
"Fünf, vier, drei, zwei -"

Radio_city

Foto: Dirk Bannert

New York - Köln

Mr. President Teil II

Bill Clnton. Das hat sie also gesagt. Ich schaue durch die dicke Glasscheibe und sehe sein weißes Haar hinter einem Aktenschrank hervorleuchten. Entweder ist er es oder der Weihnachtsmann.
"Läuft", sagt der Toningenieur.
Jennifer begrüßt mich. Ich antworte mit meiner schönsten Medienstimme, die habe ich die letzten Monate über perfektioniert. Nina verrenkt den Hals, um zu sehen, was drüben bei Clinton los ist. Ich fühle mich, als ob mein Gehirn von einer Axt gespalten würde.
Ich laviere mich durch das Interview und bin recht amüsant, obwohl mir der Schweiß den Rücken runterläuft. Es gibt eine kurze Pause - ein Assistent reicht mir einen Text aus dem Buch zum Vorlesen herein. Als die Tür aufgeht, höre ich, wie Clinton sein Interview im Nachbarstudio aufnimmt. Er äußert sich eloquent zur Tsunami-Soforthilfe und der Krise im Mittleren Osten.
Jennifer und ich fahren in unserem Interview fort, und ich erzähle, dass ich einmal für eine Dentalimplantate-Konferenz im Marriott Marquis gespielt habe. Klimper, klimper, klimper.
Ich versuche, echt nicht daran zu denken, dass der frühere Präsident der Vereinigten Staaten nur ein paar Meter entfernt von mir sitzt. Während einer der Pausen bin ich versucht, an die Wand zu klopfen, tue es aber nicht.
Nach der Sendung begleitet man uns in eine Lounge und ermahnt uns, die Finger vom Essen zu lassen. Nina schnappt sich sofort ein Bagel.
"Ich verhungere", nuschelt sie.
"Lass uns von hier verschwinden!" sage ich. Wir werden im Jarvis Center zu Cocktails und zum Büchersignieren erwartet.
"Bist du verrückt? Wir müssen hierbleiben. Ich will unbedingt ein Foto von mir mit Bill Clinton haben." Sie holt einen Lippenstift aus der Tasche.
"Nina, sie lassen uns sicher nicht in seine Nähe. Und außerdem fühle ich mich damit nicht wohl. Vielleicht sollten wir einfach gehen."
"Bist du verrückt? So eine Gelegenheit ergibt sich nie wieder. Wir bleiben!"
Wir hängen vor dem Aufnahmestudio herum. Man hat uns angewiesen, uns nicht nach vorne zu drängen, wenn der Präsident den Raum betritt.
Er betritt den Raum.
Nina schiebt sich durch eine kleine Menschenmenge nach vorn und zerrt mich hinter sich her.
Die NPR-Leute stehen um den Präsidenten herum, stellen ihm geistreiche und intelligente Fragen. Clinton antwortet, während er Exemplare seines Buches signiert. Ich habe schon viele Promis erlebt, aber noch nie einen mit so viel Charme. Die Neonlampen des Büros lassen uns in einem grünlichen Licht erscheinen, aber er ist ein Golden Boy, in ein warmes rötliches Licht getaucht. Ich schaue mich um, fast könnte man meinen, im Hintergrund stünde ein Techniker für Spezialeffekte und beleuchte ihn, nur ihn.
In dem Moment schaut er mich an, lächelt und nickt.
"Können wir ein Foto haben, Mr. President?" sagt einer vom NPR.
"Na klar."
"Das ist unsere Chance!" sagt Nina.
"Nina, das können wir nicht machen. Das ist für die NPR-Leute. Wir können uns nicht einfach in ihre Fotosession drängen."
Aber schon werde ich nach vorn geschoben, und Nina stellt uns vor.
"Mr. President! Das ist Robin Goldsby!" sagt Nina. "Sie hat ein Buch geschrieben! Genau wie Sie."
"Wie geht es Ihnen, Mr. President?" sage ich. Wir geben uns die Hand. Und jetzt? Ich merke, wie Panik in mir aufsteigt. Was soll ich denn jetzt sagen? Nette Krawatte? Das mit dem Tsunami war gut? Was bloß?
Ich spreche viel zu laut und höre mich an wie die Drittplatzierte beim Schönheitswettbewerb zur Wahl der Miss Altoona: "Danke, Mr. President, für alles, was Sie tun, um unserer Welt zu helfen."
Stille.
"Gern geschehen", sagt er. "Woher kommen Sie?"
"Aus Köln, Deutschland. Aber ich bin Amerikanerin. This land is my land."
Stille. Wo ist Woody Guthrie, wenn man ihn braucht?
"Köln? Schöne Stadt. Die haben da diese große Kathedrale, oder?"
"Ja", sage ich, "das ist der Dom."
"Der Dom?"
"Der Dom."
Stille. Ich suche krampfhaft nach etwas Faszinierendem, dass ich ihm mitteilen kann. Ich senke meine Stimme und beuge mich zu ihm. "Wissen Sie, da sind die Heiligen Drei Könige beerdigt."
Stille. Ich habe eigentlich gar keine Ahnung, ob die Heiligen Drei Könige dort begraben sind. Was ich über die Heiligen Drei Könige weiß, beschränkt sich auf Gold, Weihrauch und Myrrhe. Mehr nicht. Ich weiß viel mehr über die Drei Tenöre oder die Three Stooges als über die Heiligen Drei Könige.
"Wie sie von Bethlehem nach Köln gekommen sind, kann ich mir gar nicht vorstellen. An der Krippe links und dann nach Norden, denke ich." Ich erwäge kurz, den Refrain von "We Three Kings Of The Orient Are" zu summen, lasse es aber doch lieber bleiben.
"Wow, das ist interessant. Das wusste ich nicht", sagt er. "Hey, Bernie, hast du das gehört? Die Heiligen Drei Könige sind in dieser großen alten Kirche in Köln beerdigt." Bernie schreibt irgendetwas in ein kleines Notizbuch. Bill Clinton dreht sich wieder zu mir um. "Also, Sie haben ein Buch geschrieben?"
"Oh, ja. Es heißt 'Piano Girl'. Es handelt vom Klavierspielen in, Sie wissen schon, Bars und Lounges."
"Und es ist zum Schreien komisch!" ruft Nina. "SIE ist zum Schreien!"
"Sie sind also Musikerin?" fragt er.
"Ja, Mr. President. Genau wie Sie", sage ich.
"Und Sie sind hier, um Ihr Buch zu promoten?" sagt er.
"Ja, Mr. President. Genau wie Sie." Ich höre mich an wie ein Papagei. "Übrigens, Ihr Buch soll ja fabelhaft sein." Ich habe das zwar noch nirgends gehört, denke mir aber, es kann nicht schaden, so was zu sagen.
"Danke! Ihnen alles Gute", sagt er.
"Ihnen auch, Mr. President."
Ich überreiche ihm ein Exemplar meines Buches. Nina fotografiert uns beide. Ich mache ein Foto von ihm und Nina. Ich fürchte, sie wird ihm gleich vorschlagen, mit uns bei Bloomingsdale's Schuhe kaufen zu gehen, aber seine Entourage scheucht ihn zum Aufzug.
Bevor sich die Türen schließen, winkt Clinton mir zu. Und ich höre, wie er zu seinen Mitarbeitern sagt: "Wisst ihr, diese Heiligen Drei Könige sind in der großen alten Kathedrale in Köln beerdigt."
Stille im NPR-Büro.
"Echt?" fragt Nina mich. "Ist ja zum Schreien!"

Robin Meloy Goldsby

Auszug aus der Kurzgeschichte "Mr. President" erschienen in "Walzer der Spargelmenschen" (2011, Verlag Bücken-Sulzer) von Robin Meloy Goldsby. www.buecken-sulzer.de

Koln_heiliger

Foto: Klaus Wohlmann

"Köln - Wege, Bilder Gedanken" von Klaus Wohlmann (Fotos) und Klaus Haas (Texte). Die Wanderung führt an vertraute wie weniger bekannte Orte in Köln im praktischen Kleinformat (13,5cm x 15,3cm). Klaus Wohlmann, Jahrgang 1963, geb. in Köln, arbeitet seit 1993 als freischaffender Maler und Fotograf. Bei einer Ausstellung lernte er Klaus Haas kennen. Für ihn ist Lyrik Freiraum und Ausgleich zum realen Leben. www.Klauswohlmann.de

Koelner_dom_klein

Foto: Klaus Wohlmann

Köln - New York

Statt Glühwein

Die "Escapade belles-lettres"-Weihnachtsfeier findet am Sonntag, den 18.12.2011 in der Fiffi-Bar, Köln-Südstadt, Severinswall 35, ab 19 Uhr statt. Mit Texten, Bildern und Musik. Außerdem servieren wir Euch Weihnachtsleckereien und öffnen einen Sack mit Präsenten. Wer nicht leer ausgehen möchte, der kann vorab reservieren unter 0176/62926569.
Mit dabei sein wird u.a. Dirk Bannert, bei dem wir uns an dieser Stelle schon einmal bedanken wollen für seine Fotos, die er bei unseren Entscheidungen in letzter Minute, immer geduldig aus dem Archiv fischt. www.foto-bannert.de

Sternenbanner

Foto: Dirk Bannert

Impressum

Herausgeberinnen, Chefredakteurinnen, verantwortlich für den redaktionellen Inhalt:
Silke Vogten, Feldstr. 250, 46485 Wesel, 0281/3193966, S.Vogten@t-online.de
V.-Flora Jörgens, Blautannenweg 9, 50997 Köln, 02233/922485, FloraJoergens@t-online.de
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Nr. 11 November 2011

Escapade_head_11-2011

Editorial

Liebe Freunde, Kollegen, Medienschaffende,

Tour de Ruhr – auf dieser Strecke sind wir in dieser und auch der nächsten Ausgabe unterwegs. Warum? Weil es hier so schön krude ist. Außerdem beschäftigt uns auch immer noch die einstige Frage eines Freundes aus dem fernen Badischen: „Ward ihr hier im Untertagekindergarten?“

Nein. Daran kann sich keiner erinnern. Aber an einiges andere, wie wir mit dieser Ausgabe beweisen. So geht es weit zurück in die Siebziger – diesmal in das häufig besungene Oberhausen – und zu einer Begegnung mit tragischen Gestalten wie Herrn August Mazurkewitz oder zu Fahrgästen in öffentlichen Verkehrsmitteln, die ihren Rachegelüsten freien Lauf lassen. Verbal versteht sich.

Der Fotograf Dirk Bannert, der in Oberhausen/Osterfeld (mehr geht nicht…) das Licht der Welt erblickte, traf im berüchtigten CentrO Ruhrgebietsnachwuchs in Bestform und in grüner Ruhrgebietsidylle ältere Semester.
Unterirdisch war nur der Weg zur Bahn.

Ankommen. Wegfahren. Ankommen.

Kommt mit.

Eure,
Silke Vogten und Flora Jörgens

Bahnhaltestelle

Foto: Haltestelle Oberhause Neue Mitte von Dirk Bannert

Oberhausen

Bus-Phantasien

Jimmi macht dat für Nüsse

Die Kulisse und die Requisiten:
Oberhausen
Stoag
Früher Morgen
Fahrgäste
Fusel

 

Der Gesang:
- Letztes Jahr hat ich noch 100.000
- Letztens hat ich auch noch 13.000

- Die hamse mich geklaut
- Die alten Wichspisser

Ham mich ausgeraubt
Töten könnt ich die
Aber ich geh zu dä Jimmi
Dä Jimmi besorgt mir zehn Türken

Mit die Türken ab zu die Wohnung
wo die Wichspisser wohnen
Tür auf. Reinballern. Fertich.
Dä Jimmi bezahlt die

Dä Jimmi kennt mich
Dä Jimmi macht dat für Nüsse

Silke Vogten

Centro_2

Foto: Shopping im CentrO von Dirk Bannert

Oberhausen

Begegnungen

August Mazurkewitz Teil I

Es gibt da einen alten Zeitungsausschnitt. Das vergilbte Papier zeigt einen Garten, einen alten Mann mit einem Hut, der sich über ein kleines Kind beugt. Das Kind sitzt in einem sehr kleinen Planschbecken und kneift die Augen zusammen, weil die Sonne es blendet. Der alte Mann begießt es aus seiner blechernen Gießkanne mit Wasser und man kann nicht erkennen, ob das Kind sich darüber freut oder nicht. Hinter den Beiden sieht man noch andere, einen Mann und zwei Frauen, eine alte und eine junge. Sie alle halten ihre Gesichter der Sonne entgegen. Unter dem Bild steht:
„Auch diese kleine Eva freut sich über den herrlichen Sommertag“.
(Zeitungsausschnitt aus WAZ-Oberhausen)

Zu den ersten Erinnerungen gehören der Garten und die Dachwohnung der Großeltern. Es war ein Garten in dem die Brechbohnen in den Himmel wuchsen. Wer hinauf kletterte, landete in den Wolken und winkte von oben herab auf die Erde. Nachts fuhren die Züge dicht am Fenster vorbei, dicht am Kopfkissen. Sie blieben nicht auf den Schienen, wo sie hingehörten. Das Geräusch der vorbeirasenden Züge in den Nächten, und die seltsame Sehnsucht, die es auslöste, die grünen Brechbohnen, und der Mann, der im Nachbarhaus immer so seltsam zum Fenster hinauslehnte: Dies war die Siedlung, in der sie einen Großteil ihrer frühen Kindheit verbrachte. Der Mann, der dort ein Haus weiter das Fenster bewohnte hieß August Mazurkewitz und alle sagten, er wäre ein schlechter Mensch. Er griff sich regelmäßig an den Kopf, wenn er ihre Mutter sah, auch ihren Vater, ihre ganze Familie eigentlich, die Großeltern eingeschlossen. Es störte sie nicht, er war ja da oben und kam niemals herunter. Er sprach auch nie mit ihnen. Er griff sich nur an den Kopf und zeigte ihnen allen schweigend den Vogel. Sie musste ihn immer ansehen, doch die Mutter zog sie mit eisernem Griff weiter. Ihr Gang wurde schneller und die Antworten auf ihre Fragen kürzer. Der Mann oben beugte sich weit vor und stützte seinen schweren, großen Oberkörper auf ein blaues Kissen mit abgewetzten Stickereien, das zu ihm gehörte wie ein Kleidungsstück. Er trug ein Kissen. Im Sommer und auch im Winter. Und er sah ihnen schweigend und voll Verachtung hinterher.

„Wer ist denn der Mann?“„Niemand.“
„Warum macht er immer so?“
„Weiß ich nicht.“
„Aber warum macht er denn immer so?“
„Sieh nicht hin.“

Als das Kind den Mann zum ersten Mal in seiner ganzen Gestalt sah, war es erstaunt. Mehr, als er am Fenster von sich zeigte, gab es nicht zu sehen. Es war fast ein Betrug. Er hatte diesen Kopf mit der breiten Nase, diesen schweren Oberkörper und da, wo sein linkes Bein sein sollte, war nur ein Oberschenkel, der Rest der melierten Hose war ordentlich unter dem Stummel zusammengefaltet. Das rechte Bein fehlte ganz. Seine Frau, eine dünne Person mit farblosem Gesicht, schob ihn in einem Rollstuhl über die Straße. Er weigerte sich stur, seine fehlenden Gliedmaßen unter einer Decke zu verstecken, wie es üblich war. Das Kind musste mit seiner Mutter dicht an ihm vorbei und es merkte, dass seine Mutter sich nicht gut dabei fühlte. Sie wartete auf eine Bemerkung oder das er sich an den Kopf griff, doch er ließ sich schweigend an ihnen vorbei schieben.
Niemand sagte irgendetwas. Keiner wünschte einen „Guten Tag“. Das kleine Mädchen starrte auf den Mann, auf seine Hose ohne Beine, sie konnte nicht anders, sie starrte in sein Gesicht.
Er hatte eine Narbe über dem linken Auge, wie ein weißer Kreidestrich zog sie sich bis zu seinen Wangenknochen. Seine Arme stützten sich auf die Lehnen seines Rollstuhles. Sie sah seine Hände, die eine fleischig und weiß, die andere steckte in einem schwarzen, ledernen Handschuh. Er blickte durch sie hindurch. Er gönnte ihr nicht einen Blick. Als sie vorbei waren, drehte sie sich an der Hand ihrer Mutter um, sie starrte ihnen nach, dem Mann und seiner dünnen Frau, der kleinen Prozession, die da schweigend an ihnen vorbeigezogen war, kam aus dem Schritt und stolperte. Das war das einzige Mal, dass sie ihn so sah und nicht am Fenster.
In dem Sommer, als sie alt genug war, um unbeaufsichtigt zu spielen, freundete sie sich mit Kindern aus der Nachbarschaft an. Sie spielten am stillgelegten Bahndamm und in den kleinen Schrebergärten, die gegenüber der Siedlung aufgereiht lagen, jeder mit einer winzigen Laube und Gemüsebeeten und mit kleinen Zäunen sorgfältig voneinander abgetrennt. Ihr Großvater lehrte sie in diesem Sommer das Fahrradfahren, und eines Sonntags spielte sie mit einem Jungen, der sie auf seinem phantastischen, orangefarbenen Polorad fahren ließ. An der Lenkstange wehte ein roter Wimpel. Sie fuhr alleine auf dem Rad, und er brachte sie später hinten auf dem Gepäckträger nach Hause.
Am nächsten Sonntag wartete sie auf den Jungen und das Fahrrad mit dem roten Wimpel. Er kam, und er hatte sein Fahrrad dabei und seine Geschwister. Er hatte noch zwei Schwestern und einen älteren Bruder. Sie gingen zum Bahndamm und spielten zusammen bis sie abends müde und schmutzig nach Hause kamen. Sie war glücklich. Der Junge und seine Geschwister gingen in das Haus, in dem Herr Mazurkewitz wohnte. Ihre Mutter erwartete sie und schimpfte, weil sie zu spät nach Hause kam und so dreckig war. Und sie sagte:
„Hier sind so viele Kinder. Musst du ausgerechnet mit den schrecklichen Tannemanns spielen?“„Die sind aber nett. Warum denn nicht?“, erwiderte das Kind trotzig und wunderte sich über das Verhalten der Mutter, die sonst selten unfreundlich über andere redete. Sie bekam keine Antwort mehr, und während sie hungrig ihr Abendbrot aß und ihre Milch trank, hörte sie ihre Mutter und ihre Großmutter leise miteinander reden. Sie hörte die Worte Tannemanns, das arme Fräulein Zunder und der Bekloppte.
Sie wusste, dass in ihrer Familie mit der Bekloppte Herr Mazurkewitz gemeint war, sie fragte nach und erfuhr schließlich, dass ihre neuen Freunde die Kinder seiner Tochter waren. Sie dachte darüber nach und fragte sich, wie jemand der so seltsam war, so nette Enkelkinder haben konnte und sie beschloss, sich keinesfalls verbieten zu lassen, mit diesen Kindern zu spielen.
Am nächsten Sonntag wartete sie vergeblich. Es regnete und niemand kam. Kein Junge auf dem Fahrrad, keines seiner Geschwister. Sie stand missmutig hinter der Gardine und sah auf die Straße hinunter. Einmal öffnete sie sogar das Fenster, nahm sich ein Kissen und lehnte sich vor. Sie war enttäuscht und langweilte sich. Als Leute vorbeikamen, pfiff sie runter, griff sich an den Kopf und zeigte ihnen einen Vogel. Sie wurde von ihrer Großmutter weggezogen, das Fenster wurde geschlossen und man schimpfte sie aus. Ob sie wie der Bekloppte sein wolle? Sie wollte nicht und war kleinlaut.
An diesem regnerischen, für sie gründlich verdorbenen Nachmittag nahm ihre Großmutter sie beiseite und erklärte ihr ein paar Dinge über August Mazurkewitz. Sie erzählte mit geheimnisvoll gesenkter Stimme eine Geschichte über ihn. Die ging so: August Mazurkewitz war in seinen jungen Jahren ein schöner Mann gewesen. Erst wurde er Bergmann, wie die meisten Männer hier in der Gegend, aber er war nicht tüchtig. Er kam zu spät zur Arbeit, war unzuverlässig und hatte „Frauengeschichten“. Dann wurde er schließlich Busfahrer, jemand der die Kinder der Umgebung in die Sommerfrische fuhr und wieder abholte. Keine glückliche Entscheidung, denn er war bekannt für seine Eitelkeit und seinen rasanten Fahrstil, berüchtigt dafür, wie er durch die Straßen raste - und dass er gerne trank. In einem Jahr Ende der 50er hatte er dann ein großes Unglück verursacht, von dem lange gesprochen wurde. Es war ein schrecklicher Unfall. Herr Mazurkewitz hatte Kinder aus ihren Ferien abholen sollen. Von den neunzehn Kindern kamen nur fünf zurück. Der Bus war in einer Kurve von der Straße abgekommen. Die junge Lehrerin war aus dem Fahrzeug geschleudert worden und wurde mit gebrochenem Genick gefunden. Vierzehn Kinder hatten den Tod in dem brennenden Bus gefunden. Mazurkewitz verlor bei diesem Unfall beide Beine und eine Hand, und er lag viele Wochen lang im Krankenhaus. Danach wurde ihm der Prozess gemacht. Zeugen sagten aus, er wäre nicht nüchtern gewesen, und er wäre viel zu schnell gefahren. Ihm wurde die Fahrerlaubnis entzogen, und er musste für mehrere Jahre in ein Gefängnis. Als er wieder nach Hause kam, war er sehr verändert. Ihre Großmutter unterbrach sich plötzlich und sah sie an, als wollte sie noch mehr erzählen. Aber dann zögerte sie und sagte nur den Satz, den das Kind so oft in diesem Zusammenhang gehört und den es nie verstanden hatte. Die Großmutter sagte lakonisch ihre kleine Litanei auf: „So ein Bekloppter. Die armen Kinder. Das arme Fräulein Zunder.“ Das war der Name der Lehrerin. Und das war alles, was das Kind an diesem Sonntag erfuhr…

Bert

Foto: Ohne Titel von Bert Schmidt

Oberhausen

Begegnungen

August Marzurkewitz Teil II

Als der nächste Sonntag kam, sah sie den Jungen und seine Geschwister in das Nachbarhaus gehen. Sie wartete, doch sie kamen nicht raus, um zu spielen. So ging sie runter auf die Straße und malte mit bunter Kreide Bilder auf den Bürgersteig. Sie lief hin und her und schielte nach oben zu seinem Fensterplatz, doch Herr Mazurkewitz lehnte nicht auf seinem Kissen.
Das Fenster war leer und geschlossen. Sie malte ein Fahrrad und Kinder. Sie malte einen Hund. Ein Mann und eine Frau in Sonntagskostümen kamen vorbei und sagten ihr, es wäre eine Schande, den Bürgersteig so zu beschmieren. Sie gab keine Antwort und als sie vorbei waren, streckte sie ihnen die Zunge raus. Aber das Malen war ihr verdorben. So setzte sie sich auf die Steine und fixierte die Fenster, hinter denen sie die Kinder vermutete. Sie verstand nicht, warum niemand heraus kam, um mit ihr zu spielen.
Irgendwann überquerte sie die Straße und ging zu dem Haus. Sie sah auf die Klingeln und suchte den Namen. Mazurkewitz. Sie schellte einmal. Niemand öffnete. Ihr Herz klopfte. Sie schellte noch einmal und die Tür gab mit einem Brummen nach. Da stand sie in dem dunklen, kühlen Hausflur. Alles war wie im Haus ihrer Großeltern und doch anders. Die Holztreppen hatten einen roten, abgewetzten Anstrich und auf dem Flur stand keine Blume. Am seltsamsten aber war der Geruch. Hier roch es ganz fremd. Sie blieb ängstlich unten im dämmrigen Treppenhaus stehen und wagte sich nicht weiter. Eine weibliche Stimme rief von oben:

„Wer ist denn da?“
„Ich.“
„Was willst du?“
Sie wusste keine Antwort und sah nach oben ins Treppenhaus. Es blieb leer, niemand zeigte sich.
„Meine Güte. Was willst du denn?“ Die unsichtbare Stimme wurde ungeduldig.
„Kommen die Kinder zum Spielen?“
Einen kurzen Moment herrschte Schweigen, dann sagte die Stimme:
„Geh wieder raus. Die kommen gleich. Mach die Tür hinter dir aber richtig zu.“

Sie gehorchte und stand wieder draußen auf der Straße im Sonnenlicht. Sie ging zurück zu ihrer Kreide und den Bildern. Plötzlich fühlte sie sich beobachtet und sah nach oben. ER war dort, hing auf sein Kissen gelehnt am Fenster und sah sie an. Sie starrte zurück. Eine Weile belauerten sie sich. Da fasste er sich mit seiner gesunden weißen Hand an den Kopf, verzerrte das Gesicht zu einer Fratze und hämmerte gegen seine Stirn.
Sie sah erschrocken auf den Boden und konnte nicht reagieren. Sie fand ihn zum ersten Mal richtig hässlich und gemein. Warum tat er das? Versteinert spielte sie alleine weiter und kritzelte irgendetwas ohne Sinn auf die Steine. Sie vermied es, nochmals zu ihm hochzusehen. Dann kamen endlich die Kinder aus dem Haus, und sie lief erleichtert zu ihnen.
„Hallo.“
„Hallo.“
Die Kinder standen sich wortlos und verlegen gegenüber, vier gegen eines und etwas stimmte nicht.
„Wir spielen heute in unserem Garten“, sagte eine der Schwestern abweisend.
„Du darfst aber nicht mit“, sagte der Junge, der doch fast ein Freund war und der sie auf seinem schönen Fahrrad mitgenommen hatte. Sie blickte stumm und eingeschüchtert auf die grüne Strickjacke, die seine Schwester trug und sagte gar nichts. Einen Moment sprach niemand ein Wort. Dann drehten die Kinder ihr den Rücken zu, gingen die Straße runter und sahen sich nicht mehr nach ihr um. Und sie wagte nicht, nach oben zum Fenster zu sehen, ob ER wieder da hockte und sie anstarrte.
Nachdem die Sache mit den Kindern, die plötzlich nicht mehr mit ihr spielen wollten, passiert war, lief sie traurig und verwirrt zu ihrer Mutter. „Warum hat er mich so böse angestarrt? Ich kann doch nichts für den Unfall und dass er immer da oben am Fenster sitzen muss. Und das ist doch schon so lange her!“ Ihre Mutter wurde sehr ernst und nahm sie tröstend zu sich auf den Schoß. Und endlich erfuhr das Kind den Grund, warum Herr Mazurkewitz ihre ganze Familie nicht leiden konnte.

Ihre Mutter hatte helle kleine Narben an beiden Armen, am Bauch, an den Oberschenkeln - und sie hatte Angst vor großen Hunden. Sie wechselten jedes Mal die Straßenseite, wenn ihnen ein Mensch mit einem großen Hund entgegenkam. Auch, wenn er an der Leine war. Als August Mazurkewitz damals aus dem Gefängnis kam, hatte er sich einen Schäferhund geholt, den er draußen im Hof in einem Zwinger hielt. Er sprach nicht mehr, er grüßte keinen der Nachbarn, und es hieß, er spreche nicht mal mehr mit seiner eigenen Familie, mit seiner Frau und seiner Tochter. Er interessierte sich nur noch für diesen Hund, dem seine ganze Zuneigung gehörte. Er dressierte ihn, sprach ständig mit ihm, streichelte ihn, ging mit ihm zu einem Übungsplatz und verwöhnte ihn großzügig mit Leckereien. Von seinem Rollstuhl aus führte er den Hund, den er Harlekin nannte, an der Leine spazieren. Er bot den Anderen einen befremdlichen Anblick, wenn er mit seinen verstümmelten Gliedern und voll Bitterkeit an ihnen vorüberrollte, die wenigen Worte, die er sprach, nur seinem Hund gönnend. Im Jahr 1966 gab es einen sehr heißen Sommer und Herr Mazurkewitz wurde krank und konnte das Haus nicht verlassen. Er hing den ganzen Tag im Fenster und beobachtete die Leute, die Kinder auf der Straße, die Hausfrauen, die vom Einkaufen kamen, seine eigene Tochter, die nun den Hund ausführte. Er sprach vom Fenster aus mit seinem Hund Harlekin und schmiss ihm kleine Wurststückchen auf die Straße. Ihre Mutter, die damals noch ganz jung war, machte in dieser Zeit eine Ausbildung als Schneiderin in der Stadt. Es war ihr erstes Lehrjahr. Als sie an einem Nachmittag in dem heißen Sommer von der Arbeit kam, begegnete sie vor ihrem Haus der Tochter von August Mazurkewitz und dem Hund, und sie blieben stehen, um zu plaudern. Sie waren in einem Alter, beides sehr junge Mädchen in ärmellosen, pastellfarbenen Kleidern. Die Mutter mochte den Hund und streichelte ihn. Vielleicht, weil es so heiß war an diesem Tag, vielleicht, weil Hunde manchmal unberechenbar sind: Der Hund wurde plötzlich aggressiv und schnappte zu. Er biss der Mutter in die Hand, und die Hand blutete. Und dann sprang er an ihr hoch, und die Andere hatte den schweren Hund nicht halten können. Die Mutter war hingefallen und lag unter dem Hund. Und der Hund geriet daraufhin außer sich. Sie hatte ihr Gesicht mit den Händen bedeckt und versucht, sich zu schützen. Aber der Hund hatte zugebissen. Sie trug nur dieses dünne Sommerkleid und sie hatte geschrieen.
Sie schrie schrecklich. Der Hund biss in ihre bloßen Arme, in ihre Hände. Das Kleid rutschte hoch, er biss ihr in den Bauch, in die nackten Beine. Sie spürte ihr warmes Blut und hörte ihr eigenes schrilles Geschrei, und das andere Mädchen konnte den Hund nicht zurückhalten. Die Mutter erinnerte sich noch Jahre später an jede Kleinigkeit dieses Vorfalls und das Kind sah erschrocken in ihr blasses Gesicht, während sie erzählte: „Es hatte so lange gedauert, der schwere Hund über mir und die Geräusche, die er machte, sein Geruch, sein warmer Atem, sein Fell, die Krallen an seinen Pfoten. Und ich habe nur noch schreien können und gedacht, er würde mich tot beißen.“
Auch Herr Mazurkewitz hatte geschrieen, dort oben am Fenster. Er lehnte sich so weit raus, wie es ihm möglich war. Er schrie seinen Hund an. Er schrie den Namen des Hundes. Immer wieder, seine Stimme überschlug sich vor Aufregung und Angst und Wut, doch der Hund hörte nicht auf ihn. Er trug ein Stachelhalsband, und irgendwann bekam die Tochter von August Macurkewitcz ihn daran zu fassen, und der Hund würgte, weil er keine Luft bekam und ließ endlich los. Sie konnte ihn einen Moment lang wegziehen und der blutüberströmten Mutter war es gelungen, auf allen Vieren wegzukriechen. Dann waren andere Leute da, die den tobenden Hund hielten und die ihr aufhalfen.
Sie stand unter Schock und wurde in ein Krankenhaus gebracht. Dort blieb sie zwei Monate, den ganzen Sommer lang. Ihre Chefin, die Schneidermeisterin, besuchte sie im Krankenhaus und sah sich ihre Arme an, auch ihre verletzten Hände, mit der sie in den nächsten Wochen nicht würde nähen können. Die Chefin redete ihr lange zu, gegen den Besitzer des Hundes, der sich nicht bei ihr entschuldigte, der ihr keine Grüße ausrichten ließ und der ihr keine gute Besserung wünschte, zu klagen. Erst hatte sie nicht zustimmen wollen, weil es ein Nachbar war, aber dann hatte sie es schließlich getan. Sie gewann den Prozess, und August Mazurkewitz, der die Meinung vertrat, niemand, absolut niemand hätte seinen Hund anfassen dürfen, musste ein hohes Schmerzensgeld bezahlen. Und er musste seinen Hund Harlekin einschläfern lassen. Da war dieser Mann außer sich vor Wut und Trauer über diese grausame, unbekannte Größe, die es stets auf ihn allein abgesehen zu haben schien und die er laut anklagte – im Gericht hatte er so laut gebrüllt, dass man ihn in seinem Rollstuhl weggefahren hatte. Er war außer sich vor Verzweiflung über die ihm zugefügten Ungerechtigkeiten. Und er war untröstlich über den Verlust seines Hundes. Der Zwinger im Hof blieb daraufhin leer, einen neuen Hund holte er sich nie wieder.
Nachdem die Mutter diese Geschichte erzählt hatte, veränderte das Kind sein Verhalten. Der seltsame Herr Mazurkewitz barg kein Geheimnis mehr, und die Geschichte seines Lebens, sein ewiges, trübseliges Starren am Fenster, machte sie nur noch traurig. Wenn sie in den folgenden Jahren an dem Haus und dem Fenster, wo er saß und brütete, vorbeiging, beschleunigte sie ihre Schritte, genau wie ihre Mutter es tat. Sie vermied es, zu ihm hoch zu sehen, wie sie es sonst immer gemacht hatte. Sie starrte ihn nie mehr neugierig an und wartete auch nicht auf die absurde Geste, die er mechanisch machte. Jedes Mal.

Silke Vogten

Die Fotografen: Bert Schmidt wurde in Rüsselsheim geboren, absolvierte sein Filmstudium in Paris und arbeitet heute als Regisseur und Produzent (Strandfilm Produktion GmbH). Dirk Bannert fotografiert gerne und gut. Und professionell, nämlich hauptberuflich. Er lebt am Niederrhein. Die Texte: "Jimmi macht dat für Nüsse" erscheint Mitte November im Lyrik-Band "Freies Spiel" und "August Mazurkewitz" in der Reihe "Shortstory" (beides: Spottiswood-edition)

Gaertner

Foto: Schrebergärtner in Oberhausen-Osterfeld von Dirk Bannert

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No. 10 Oktober 2011

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Editorial

Liebe Freunde, Kollegen, Medienschaffende,

wir tanzen. Und lassen tanzen. Denn andere sind einfach besser. Kühnere Schritte. Passablere Posen. Elegantere Drehungen. Erst recht, wenn es heißt: Tango!

Die internationalen Tangoidole Nicole Nau und Luis Pereyra begeben sich aufs Parkett, zeigen, wie es geht, tanzen für uns Alma en pena, die schmerzende Seele, La Mariposa, den Schmetterling. Oder "La Cumparsita", den kleinen Marsch.

Argentinien. Tango. Und dabei immer eine Rose im Mund? Mitnichten. Der argentinische Tanzlehrer Fernando Fernandez erklärt, was ihn am Tango fasziniert - auch jenseits aller Klischees. Und eine Tanzschülerin konzentriert sich auf das Entscheidende - den richtigen Tanzpartner.

Dabei setzt die Fotografin Sonja Allgaier das Gefühl und die richtige Schrittfolge des Tangos in Szene - auch an ungewöhnlichen Orten. Ein Spiel zu zweit.

Lasst uns tanzen!

Eure
Silke Vogten und Flora Jörgens

Tangofuesse2

Foto: Flora Jörgens

Tango lehren

Ein Spiel zu Zweit...

Fernando, was fasziniert dich am Tango?

Tango ist Improvisation und Spiel zu zweit in reinster Form. Außerdem bin ich Argentinier und kenne die Musik und die Geschichte gut - es ist ein Teil von mir. Es war ein langer Prozess zwischen Hass und Liebe, der sich in Leidenschaft verwandelt hat. Als kleines Kind hasste ich den Tango, weil es für alte Menschen war. Es roch muffig und nach Zeiten, die schon vorbei waren. Zum Glück traf mich der Tango später wieder.

Wann?

1996 - seitdem tanze ich Tango.

Worauf kommt es an, wenn man Anderen das Tangotanzen beibringen soll?

Schnell klar zu machen, dass es keine Geheimnisse gibt. Jeder kann das lernen - so wie eine Fremdsprache. Es ist Zeit und es ist Übung.

Was muss man für den Tango mitbringen?

Schuhe, mit dem man gut drehen kann. Gute Laune kann nicht schaden.

Was geht gar nicht?

Flip-Flops...

Was ist das blödeste Klischee über Tango und Tangotänzer?

Der Vergleich mit dem europäischen Tango, diese zackigen- choreographierte Bewegungen. Dass es Leidenschaft pur ist. Blödsinn. Spaß muss sein. Alles andere kann kommen - oder nicht.

Hast du einen Lieblingstango?

Ich mag die Tangoorchester der 40er Jahre. Es sind viele Lieblingstangos... Tinta roja. Aníbal Troilo...

Fernando Fernandez, 39 Jahre, wurde in Córdoba, Argentinien geboren. Er ist ausgebildeter Schauspieler und Diplom Genetiker. 2001 kam er nach Deutschland und ist hier Lehrer für Argentinische Folklore und Tango, er unterrichtet Tango in Köln am Barbarossaplatz. www.tango.fernando-fernandez.de

Jorgelinagustavo

Foto: Sonja Allgaier. Gustavo R. Ameri y Jorgelina Contreras "Cafe Roma", Buenos Aires Argentina

Tango lernen

...ohne Rose im Mund

Warum gerade Tango?

Hm...Warum Tango.... Wegen der Eleganz und der Unmittelbarkeit... (lacht)

Seit wann tanzt du Tango?

Seit fast zehn Jahren. Aber in unregelmäßigen Abständen. Es kommt darauf an in welcher Stadt ich gerade lebe - und ob ich einen Tanzpartner habe...

Was ist ein Klischee über Tango und Tangotänzer?

Dass man immer eine Rose im Mund hat. Und sich vor Leidenschaft verzerrt und am Ende umbringt. Und dass die männlichen Tangotänzer so unglaublich leidenschaftliche Latinlover sind.

Bist du denn noch keinem begegnet?

Selten.

Und ein Klischee über Tango, welches stimmt?

Es gehört tatsächlich schon eine gewisse Leidensfähigkeit dazu - denn es ist anstrengend. Und man muss sich sehr konzentrieren. Betrunken Salsa tanzen geht. Aber betrunken bzw. beschwipst Tango tanzen? Das ist ein Fiasko. Tango wird nie ein Massentanz, dazu ist er zu speziell.

Wie wichtig ist der richtige Tanzpartner?

Das ist das schon das wichtigste - und auch wie die eigene Stimmung ist. Ein guter Tanzpartner kann die natürlich erheblich beeinflussen... Ein Glück, gerade habe ich einen.

Petra T. ist Tanzschülerin - und lernt immer noch dazu.

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Foto: Sonja Allgaier. Miriam Albarrán, Buenos Aires Argentina

Die Fotografin Sonja Allgaier, Jahrgang 1978, lebt und arbeitet in München. Sie verbrachte einige Zeit in Buenos Aires, realisierte dort ihr Buchprojekt "Tango Argentino in Buenos Aires", erschienen bei Terra Magica. Portfolio unter www.sotari.de

Tango furios Teil I

Nicole Nau und Luis Pereyra

Sie tanzen. Leichtfüßig, voller Anmut und Sinnlichkeit. Langsam, tastend in den ruhigen Passagen. Energisch, mit raumgreifenden Schritten, wenn die Musik anzieht. Die Mienen ernst, voller Konzentration. Nur nach rasanten Schrittkombinationen huscht ein Lächeln über ihre Gesichter Zwei Körper, miteinander und mit der Musik vereint. Nicole Nau im leuchtend blauen, geschlitzten Satinkleid, auf zehn Zentimeter hohen Pumps, die Haare zum Zopf geflochten. Luis Pereyra ganz in schwarz, mit 5-Tage-Bart und Entenschwanzfrisur, wie sie in den "Goldenen Zwanzigern" modern war, als der Tango die Welt eroberte...

...Vier Tänze führen Nicole und Luis auf. Alma en pena, die schmerzende Seele, La Mariposa, den Schmetterling. Und "La Cumparsita", den kleinen Marsch. Klassische Tangos vom Beginn des 20. Jahrhunderts als diese Musik noch in den barrios pobres, den Armenvierteln von Buenos Aires, zu Hause war und von den bürgerlichen Schichten in Argentiniens Hauptstadt abgelehnt wurde, lange bevor der Tango über den Umweg Paris auch in seiner Heimat salonfähig wurde. Zum Abschluss tanzen Nicole und Luis den Taquito Militar, den Soldatenstiefel. Ein modernes Stück aus den 90er Jahren. Atemberaubend schnell, mit Drehungen, bei denen man schon als Zuschauer schwindlig wird. Ein berauschendes Finale...

...Luis tanzt seit seinem zehnten Lebensjahr. Er hat im Caño catorce angefangen, damals das angesagteste Tangohaus in Buenos Aires. Seitdem hatte er nur einmal eine andere Arbeit: Während seiner Ausbildung an der Escuela Nacional de Danza trug er Zeitungen aus, um die Studiengebühren aufzubringen. Nicole wollte Malerin werden, setzte dann aber auf einen bürgerlichen Beruf. Sie wurde Grafikerin in einer Werbeagentur. Bis sie sich vor 17 Jahren, noch in ihrer Heimatstadt Düsseldorf, in den Tango verliebte. Sie schmiss den Job und ging nach Buenos Aires, um Tanz zu studieren, so lange das Ersparte reichte. Nach einem Jahr fand sie sich im weltberühmten Teatro Colón wieder. Als Tänzerin in der Oper "Maraton".

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Foto: Flora Jörgens

Tango furios Teil II

Nicole Nau und Luis Pereyra

Keine leichte Zeit. Als Ausländerin war sie eine Attraktion für die Zuschauer. Und ein Ärgernis für die Kollegen. Beim Vortanzen wurde sie angefeindet, in der Garderobe geschnitten. In Argentinien ist Tango mehr als ein Tanz, er ist Tradition und Lebensgefühl, und niemand wacht eifersüchtiger darüber als die professionellen Tänzer. "Bis sie merkten, dass ich ihre Kultur respektierte und am gleichen Hungertuch nagte".

...In zig Produktionen hat Nicole auf der Bühne gestanden, nicht nur in Argentinien. Als Botschafterin des Tango ist sie um die Welt gereist. Und als die argentinische Post eine Gedenkbriefmarke zum 100. Geburtstag des Tango herausbrachte, wurde ein Bild von ihr ausgewählt - ohne zu wissen, dass sie Deutsche ist. Nicole schmunzelt: "Eine Ausländerin als Symbol des Tangos ist wie ein Japaner als Sinnbild fürs Münchener Hofbräuhaus." Um der Entrüstung die Spitze zu nehmen, schob die Post eine Erklärung nach: Argentinien sei von Einwandern geprägt, wer könne das Land besser vertreten als eine Immigrantin...

Stimmt, findet Luis. "Wo liegen denn die Wurzeln des Tangos? Eher in Europa als in Argentinien." Dann zählt er auf: das Bandoneon, ohne dessen klagende Töne der Tango nicht denkbar wäre - entwickelt Mitte des 19. Jahrhunderts vom Krefelder Heinrich Band. Die Geige kommt aus der Schweiz, der Kontrabass aus Österreich. Das Klavier und die Umarmung wurden aus dem europäischen Gesellschaftstanz übernommen. Absolut folgerichtig, dass eine Deutsche eine argentinische Briefmarke ziert....

...Der Klang der Stadt Buenos Aires: Luis im Smoking, Nicole im blauen Kleid - getanzte Konvention. Der Klang der Tanzfläche. Ein langsamer Tango. Sie bewegen sich wie in Zeitlupe. Drehen sich Wange an Wange um einander. Als stünde die Zeit still. Als gäbe es nur dieses Paar auf der Welt. Weiter geht die Reise in Raum und Zeit. Die argentinische Variante des Stepptanzes. Dann eine Zamba: getanzt in der Distanz, aber ebenso sinnlich wie der Tango. Moderne Tangos und Milongas. Und schließlich El Sonido de un Santiagueño, der Klang eines Mannes aus Santiago del Estero, Luis Heimatstadt. Rhythmus pur, getrommelt auf den bombos. Wild und ungezügelt. Das Finale, die Zuschauer rasen.

Tom Noga

Tom Noga ist freier - und für seine Arbeiten preisgekrönter - Journalist. Er lebt in Köln und am Ammersee. Seine Reportage über Nicole Nau und Luis Pereyra erschien in der Frankfurter Rundschau, hier einige Auszüge daraus.

Nicole Nau. 1963 in Düsseldorf geboren. lebt in Argentinien und ist Tänzerin für Tango Argentino und argentinische Folklore. Nach einem Grafikdesign-Studium arbeitete sie zunächst für Werbeagenturen, bevor sie nach Argentinien umsiedelte und sich zur professionellen Tänzerin ausbilden ließ. 1990 trat sie erstmals im Café Homero auf, 2002 hatte sie mit der Tango-Oper Orestes - Last Tango Premiere. Hier tanzte sie erstmals mit Luis Pereyra, ihren heutigen Lebens- und Tanzpartner. In Zusammenarbeit mit Luis sind die Produktionen El Sonido de mi Tierra, Bailando en Soledad, Secretos de la Danza und El Color de mi Baile entstanden. Tourneen führten u.a. durch Argentinien, Chile, Bolivien, Deutschland, Japan, Russland, Holland, Österreich, Schweiz, Großbritannien und Kanada.

Aktuelle Termine für die Tournee von Nicole Nau und Luis Pereyra "Tango & Más Argentina Total", Oktober 2011: Sa 01.10. 88048 Friedrichshafen, Bahnhof Fischbach / 02.10. Riedlingen Donau, Das Lichtspielhaus / 03.10. 85354 Freising (bei München) Assamtheater Freising / Do 06.10. A-5018 Salzburg, OVAL - Die Bühne im Europapark /Fr 07.10. A-5280 Braunau, Kultur im GUGG / Sa 08.10. A-4020 Linz, Posthof / Mo 10.10. 65929 Frankfurt, Neues Theater Hoechst /Mi 12.10. 50667 Köln, Senftöpfchen Theater (ausverkauft) / Fr. 14.10 Bad Kreuznach, Kreuznacher Loge / Sa 15.10. 51379 Leverkusen, Scala-Club / So 16.10. 53113 Bonn, Pantheon Theater / Do 20.10. 70469 Stuttgart, Theaterhaus / 21.-26.10. Cafe Tango "Special", Wuppertal. Mehr Infos unter www.tangofolklore.com

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Foto: Flora Jörgens

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Nr. 9 September 2011

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Editorial

Liebe Freunde, Kollegen, Medienschaffende,

in den Wald - das heisst für diese Ausgabe mit den dunkleren Bildern des großartigen, international renommierten Maler-Duos Alice Stepanek und Steven Maslin.

Es gibt hellere in ihrer Reihe „Magnificent 7“, zwischen Birken und sommerblauem Himmel, aus Perspektiven, die einen zum Träumen bringen. Und mit ganz ungewöhnlichen Formaten wie 90 x 210 cm einen Sog entwickeln, dem man sich als Betrachter gar nicht entziehen kann, wenn man es denn wollte.

Aber ein bisschen gruselig sollte es dieses Mal sein, damit Tanja Webers „Sommersaat“ aufgeht. „Am Saum des lichten Mischwäldchens...“ die Krimi-Textstelle, die so harmlos beginnt, endet hier schon – sagen wir - speziell.

Dem geneigten Leser von „Escapade belles-lettres“, sei natürlich die gesamte Lektüre des Romans empfohlen. Aber auch die Lesung am 17.9. In Raisting am Ammersee, wenn die Autorin auf der Bühne vorträgt. Allerdings nicht aus ihrem eigenen Werk, sondern aus dem ihres Gatten Gregor Weber. Der dafür aus ihrem. Und dazu noch Live-Musik des Streicherensembles Badz. Mehr Info hier unten.

Ein weiteres Debüt in dieser septemberlichen Ausgabe: Markus Verhülsdonk. Entsetzen apostrophiert. Damit es schön rätselhaft bleibt.

Eure,
Flora Jörgens und Silke Vogten

1-11_2011_70_x_120cm100

Bild von Alice Stepanek und Steven Maslin, 1-11, 2011, 70 x 120 cm

Alice Stepanek, geb. in Berlin, studierte an der Akademie der bildenden Künste in München und St. Martin’s School of Art, London. Steven Maslin - geb. in London - am Kingston Polytechnic und an der St. Martin’s School of Art. Neben vielen Gemeinschaftsausstellungen, zuletzt 2011: „Young European Landscape“, CHB Berlin und Galerie Wolfsen, Aalborg, waren ihre Werke in zahlreichen Solo-Exhibitions zu sehen, zuletzt 2011 Emmanuel Walderdorff Galerie, Köln. Davor Galerie Jean-Luc & Takako Richard, Paris, Castel Caldés, Caldés, Purdy Hicks Gallery, London.

Waldsee

Ent'setzen

An Teiches Ufer,
frühjahrsabends auf
Schwimmvogelnestern,
sehen wir:
Ent’setzen!

Markus Verhülsdonk

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Bild von Alice Stepanek und Steven Maslin, 8-07, 2007, 140 x 100 cm

Mischwald

Sommersaat

Am Saum des lichten Mischwäldchens stieg Stifter ab und schob. Die Wurzeln der Eichen lagen stark und bloß quer über dem kleinen Pfad, der vom Asternweg zum Badesee führte. Es gab von Germerow aus mindestens zwanzig solcher kleiner Pfade, neben dem gekiesten Weg, der am Ende der Ginsterstraße begann. Dort parkten im Sommer die Stadtflüchtlinge und schleppten dann ihre Gummitiere, Kühltaschen und Radios zum See. Es gab nur eine offizielle Badestelle; ein kleiner Sandstreifen, der gegen Ende des Sommers übersät war mit Grillkohle und Kippen, und die einzige schilffreie Uferstelle umgab. Sehr viel weiter hinten, auf der Ostseite des Sees, gab es eine weitere „geheime“ Badestelle, die nur die Einheimischen kannten. Man konnte da allerdings weniger kommod liegen, sondern hatte lediglich eine schmale Einstiegsstelle in das Wasser. Aber Stifter ließ den See und den Kiesweg rechts liegen und orientierte sich in Richtung Osten, Ortsausgang. Linker Hand lag die KGA „Waldesruh“ mit der Datsche der Strelskis. Von hier führten ebenfalls Trampelpfade durch den Wald hinunter zum See oder aus dem Ort hinaus in Richtung Wildnis. Der Wald wurde dort etwas dichter, die Kiefern standen enger beieinander, und es gab unbewirtschaftete Gebiete, wo umgestürzte Bäume, von Himbeerranken und Moos überwuchert, sich zu einem dichten urwaldartigen Gestrüpp verbanden. Ein Paradies für spielende Kinder. Aber außer Adam spielte kaum noch ein Kind unbeaufsichtigt im Wald. Die Jugendlichen mieden die Natur, außer bei ihren nächtlichen Zusammenkünften am See, deren Hinterlassenschaft Stifter jeden Morgen, beim kurzen Erfrischungsbad am See, welches er gegen halb vier einnahm, begutachten konnte. Dosen, Tüten, Kippen, Kondome. Ansonsten bewegten sich in diesem Teil des Wäldchens lediglich Jogger, Pilzsucher und Hundebesitzer. Der Pfad machte eine leichte Biegung zum See hinunter und trotz der lang anhaltenden Hitze in diesem Sommer war der Weg an hier weich, moosig und ein bisschen feucht. Er führte zu einem kleinen Moor, das ursprünglich Teil des Sees gewesen sein mochte. Stifter hatte Mühe, sein schweres Postfahrrad auf dem Weg weiter zu schieben, dessen Kurven immer enger wurden und wo das Wurzelwerk kaum noch den Pfad erkennen ließ. Er bimmelte noch einmal mit der Fahrradglocke und rief Sonnys Namen, bevor er resigniert umdrehte. Er musste manövrieren; sein Rad ließ sich nicht ohne weiteres in die entgegengesetzte Richtung drehen, und Stifter versuchte, das Hinterrad mit dem noch halbvoll beladenen Gepäckträger und den sperrigen Packtaschen mit einer Hand über eine Wurzel zu heben, während er mit der anderen den Lenker festhielt. Mitten in der Bewegung sah er etwas Helles durch die Himbeersträucher blitzen. Helle Haare. Blonde Haare. Weiche hellblonde Haarbüschel. Stifter wollte Sonnys Namen rufen, doch ihm blieb der Ton im Hals stecken. Er ließ vor Schreck das schwere Fahrrad los, das vor ihm zu Boden krachte, aber Stifter hielt sich nicht auf, trat auf die Speichen des Vorderrades, stolperte vorwärts und brach durch das Gestrüpp. Da war er. Sonny. Regungslos. Aber da war nicht nur Sonny. Da war auch Blut. Und Gewebe. Und Knochensplitter. Und Micha. Micha lag am Boden, ebenfalls regungslos. Stifter konnte später nicht mehr sagen, warum er in der Sekunde wusste, dass es Micha war, denn da war nicht mehr viel, an dem man ihn hätte erkennen können, aber Stifter glaubte, es war die auffällige Gürtelschnalle, die ihn annehmen ließ, dass es die Leiche von Annikas Ex-Mann war, vor der der kleine Sonny saß. Auf dem, was mal ein Kopf gewesen und nun nur noch Masse war, hatte Sonny Blumen verteilt, Äste und Gräser. Und nun saß er ganz versunken vor dem Leichnam seines Vaters, sang ein leises, zartes Lied, dessen Text nur er selbst verstehen konnte, und hatte ein versonnenes Lächeln auf seinem freundlichen runden Mondgesicht.

Tanja Weber

S. 29-31 aus ihrem Roman „Sommersaat“ , Aufbau Verlag. Tanja Weber, Jahrgang 1966, war in ihrem ersten Beruf Theaterdramaturgin und in ihrem zweiten Drehbuchautorin fürs Fernsehen. „Sommersaat“ ist der erste Fall des Postboten Stifter, weitere werden folgen.

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Tanja Weber, Foto: Aufbau-Verlag

Wald und Ammersee

Badz & Crime, Lesung mit Live-Musik

Sie sind ein kriminell kreatives Paar: Gregor Weber, bekannt als Darsteller des Kommissars Deininger im „Tatort“ des Saarländischen Rundfunks und seine Ehefrau Tanja, im ersten Leben Theaterdramaturgin und Serienautorin („Verliebt in Berlin“, „Türkisch für Anfänger“ u.v.a.). Beide hatten schon als Jugendliche eine Leidenschaft für Kriminalgeschichten. Jetzt haben sie jeder selbst einen Kriminalroman geschrieben.
Während Tanja Weber in „Sommersaat“ ihren Postboten Johannes Stifter in einen brutalen Mord verwickelt und selbst zum Verdächtigen werden lässt, betrachtet Gregor Webers Hauptkommissar Kurt Grewe in „Feindberührung“ den blutigen Tod eines Afghanistanveteranen zunächst als tödlichen Betriebsunfall im Drogenmilieu.
Die Autoren lesen wie sie arbeiten: Da keine Seite ohne Rezension des Partners nach draußen geht, nehmen sie auch an diesem Abend den Roman des Gatten ins Kreuzverhör. Tanja Weber liest Gregor Weber - und umgekehrt.
Dabei werden sie nicht an Kommentaren sparen und den Zuhörern gerne Auskunft geben, wie das Arbeiten in einer Krimi-Ehe aussieht und ab wann ein Haus zu klein für zwei Autoren wird…
Der Krimi-Experte Reinhard Jahn urteilte bereits in „Focus-online“ über „Feindberührung“: „Einer der besten Kriminalromane, die dieses Jahr erschienen sind.“
Das Streich-Ensemble Badz aus Siegburg/Köln spielt auf Cello, Geige, Bass eine Mischung aus Weltmusik, Klassik, Jazz und Pop.
Am 17.9. im "Ibiza", Raisting am Ammersee, 20 Uhr, Reservierungen: 0176/6292 6569.

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Bild von Alice Stepanek und Steven Maslin, 14-07, 2007, 70 x 90 cm

Wald und Moderholz

Reimbrand

Es schwelt und qualmt in mir ein Dichterfeuer
wie von feuchtem
Moderholz,
ich will es schüren,
wärmen soll’s
den Leib und Geist in mir
in der Alltagssprache Eiseskühle,
dass ich Lebensgeister fühle
jenen heil’gen Schwur erneuer’:
lodre, Geistesbliz, und leuchte!

Markus Verhülsdonk

Markus Verhülsdonk ist Musiker, Ton-Techniker, gewiefter Wort-Artist und schlägt sich im Ruhrgebiet durch.

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Nr. 8 August 2011

Escapade_head_11-08

Editorial

Liebe Freunde, Kollegen, Medienschaffende,

immer unterwegs. Mit'm Rad. Mit'm Bus. Mit'm Zug. Womit auch immer. Lassen uns transportieren. Transportieren Dinge. Lassen Dinge an uns vorbeiziehen. Menschen. Städte. Kuriositäten. Hin und Her. Von A nach B. Rollen und Schieben uns durch's Leben.

So wie die Künstler und Autoren dieser Ausgabe, die mit diversen Transportmitteln durch die Gegend fahren, sie optisch festhalten oder in ihnen festsitzen...

Die neue Escapade ist abenteuerlich unterwegs mit Reisebuchautor Achim Wigand, den Projekte in slawische Gefilde treiben. Sie beobachtet mit der Künstlerin Charlotte Kons einen getriebenen Bauern bei seinen unendlichen Fahrten. Sie lässt die Malerin Marka Paoli ein Zweirad in Farben treiben sowie die Fotografin Sonja Allgaier Busse in Spiegelungen verfolgen...

Denn Gott hat Räder.

Eure
Silke Vogten und Flora Jörgens

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Collage: Charlotte Kons

Transport - Wackelige Runden

Bauer Paul

"Mit mir haben die in Sibirien Sachen gemacht...Kind, immer wieder...mhhh...viele waren es...mhhh...manchmal sechs mal am Tag, da weiß ich nicht mehr, ob ich Fisch oder Fleisch bin".

Jetzt - fast 89 Jahre alt - fährt Bauer Paul mit seinem alten klapprigen Fahrrad und seiner immerblauen Weste, mit grüner Schirmmütze ,selbstreinigender Stoffhose in undefinierbarer Farbe und einem niezuwechselnwollenden Kartoffelsack auf dem Gepäckträger nur noch im Dorf den immergleichen Weg.

Eine verzweigte und kleingassige Runde - Tag um Tag, Stunde um Stunde.

Vergessen, daß er ihn schon vormittags viermal genommen hat um seine Kartoffeln zu verteilen.

"Früher....ja früher...da hab ich noch die Kartoffeln auf dem Wochenmarkt verkauft und ins Haus gebracht. Da waren die Damen noch im dünnen Etwas angezogen, wenn die wussten, daß ich kam...aber... mhhh....- weißt du, Kind,... da hab ich mich nicht mehr für interessiert. Wir haben uns damals die Hosentaschen aufgeschnitten und zu den Kindern gesagt: greif mal in meine Tasche, ich hab da ein Bonbon.....die haben aber geguckt!.....mhhhh,meine Liebste, die hat mich nach der Rückkehr nicht mehr erkannt...ich sie auch nicht....liebes Ding!"

Das erzählte dieser Mann noch vor 15 Jahren, mit verschmitztem, aber undurchsichtigem Lächeln im faltenumsponnenen Gesicht und kleinem, redeflußunterbrechendem Gekicher auf seinem Rad in Richtung Stadt fahrend mit einem Kartoffelsack auf dem Gepäckträger.

Und er fährt seine wacklige Runde weiter - heute.
Reden ist Zeitverschwendung.
Über das Früher will er nicht mehr reden.
Es gibt nur noch jetzt und diesen Weg - mit den Kartoffeln.
So muss es sein; Tag für Tag und Bauer Paul nimmt seine Aufgabe ernst.
Grüßt auch nicht mehr, keine Zeit.
Der Weg zählt und jedes Ankommen gibt ihm den Grund der neuen Runde -
Kartoffeln müssen verteilt werden.

Charlotte Kons

Charlotte Kons, bildende Künstlerin, Fotografin und Autorin, lebt in Neuss. Vom 18. bis 28. August ist sie unter dem Motto "nachRuf"mit Werken bei der "Sommerstaffel" im BBK Kunstforum Düsseldorf zu sehen. Mehr von ihr unter www.charlottekons.de

Sonja_allgaier

Foto: Sonja Allgaier

Die Fotografin Sonja Allgaier, Jahrgang 1978, lebt und arbeitet in München. Sie verbrachte einige Zeit in Buenos Aires, ist heute mit ihren Fotografien bundesweit in Ausstelllungen vertreten. Portfolio unter www.sonjaallgaier.com

Transport - Zuckelnd durch Europa

Mit'm Bus

Hat ja mittlerweile jeder Reiseteilredakteur mal gemacht: Mit dem Bus in ein osteuropäisches Land gefahren, an Bord eines dieser Luxusliners oder Liners oder antiquierten Multipersonentransporters oder gelegentlich auch einfach vielsitzplätzigen Schrotthaufens, die auf myrmidonenhaften Pfaden jeden Tag Europa durchzuckeln.

Und immer sind sie begeistert, die First-Class-verwöhnten Edeltouristen im Auftrag von FAZSZZEIT, entzückt von der urtümlichen Herzlichkeit auf den schier ewigen Wegen durch die asiatische Steppe (nein, keine westeuropäische Arroganz, sondern ein Zitat von Adenauer).

Denn die Busfrachten bestehen fast ausschließlich aus in EU-Ländern mehr oder minder legal Beschäftigten auf dem Weg in ihre Heimatländer an Sava, Don oder irgendwo an der so endlos langen wie garantiert nicht blauen Donau. Und ja, da muss natürlich viel tiefe slawische Herzlichkeit unterwegs sein. Finden die Kollegen, wenn ich mir das einmal anmaßen darf.

Zeit für ein bisschen myth busting, Romantiksprengung, knallharte Erst-Hand-Recherche. Ich mache so etwas nämlich ziemlich regelmäßig, denn ich habe Freunde in Belgrad, die ich gar nicht einmal so selten besuche und jetzt bin ich einmal mehr auf dem Weg - ich werde nämlich Gründungsmitglied der ersten "Tafel" nach dem Modell der in vielen deutschen Städten mittlerweile etablierten Lebensmittelverteiler im südosteuropäischen Raum. Über diese löbliche Initiative demnächst einmal mehr (natürlich samt Spendenaufruf und so), erst einmal muss ich also hin, um in muffigen Amtsstuben irgendwelche rätselhaften kyrillischen Vordrucke zu unterzeichnen.

Der Zug ist lachhaft teuer und langsam (die Speisewagen auf dem Abschnitt durch Slowenien allerdings schlicht der Hit!), Auto habe ich schon lange mehr keins und meine motorisierten Zweiräder motten in diversen Garagen des Bundesgebiets vor sich hin. Egal, eh zu kalt.

Also auf in den ZOB, dieses kürzlich neben dem Münchner Hauptbahnhof gelandeten Klopses im Ju-52-Look. Da gibt es die billigsten Tickets in alle Welt - solange diese Welt östlich oder südöstlich der Grenzen der europäischen Union liegt. Schlappe 97 € in die serbische Haupstadt, retour, versteht sich. Im Imre Kalman, dem täglichen Nachtzug mit Kurswagen nach Belgrad dürfte ich dafür grade einmal eine Zigarette rauchen (boah geil! Hinter Jesenice darf man tatsächlich noch qualmen. Oder zumindest stört's keinen), hin und zurück xxx €, badong, für hart am Rand der Pauperisierung vorbei schrammende Reisebuchschreiber (bestimmt auch bald ein Spendenaufruf - der tägliche Meeresfrüchtekorb wird immer schwieriger zu finanzieren) eindeutig zu viel.

Dafür liefert der ZOB (wer so etwas in seiner Heimatstadt nicht hat: Zentraler Omnibus Bahnhof) mitten in München schon ordentlich Balkanatmosphäre; der Rollkoffer - der Hackenporsche der verbiesterten Hosenanzugkarrieristin - wird hier ersetzt durch die obskur karierten Riesentüten aus mutmaßlich schwer karzinogenem Kunstfasergewebe. Alle slawischen Sprachen und Dialekte weben an einem wirren Geräuschteppich, und ja, es riecht doch kräftig nach Knoblauch. Und dann kommt auch irgendwann (Pünktlich? Na ja, die Neigungsgruppe Fahrplan nimmt wohl nicht jeden) der Bus.

Losgefahren ist er in Dortmund, also schon eine Weile unterwegs, und die Stimmung an Bord schwappt wohl nicht ins Euphorische. Kein Wunder, schließlich liegen noch 15 Stunden Blechröhre vor den Insassen. Die für eine Zigarettenpause herausströmenden (hättet ihr halt den Zug genommen) sind offensichtlich schwer im Nikotindefizit, aber den kantig ausgefahrenen Ellenbogen habe ich schnell wieder aus meinem Rippenbogen entfernt.

Drinnen verscheuche ich das ausgesprochen maulige Großmütterchen von meiner Platzreservierung, zur Strafe hinterlässt sie mir eine fast flandrisch (1917) zerbombte Sitzfläche mit Kuchen-, Schokoladen- und Burek-Einschlägen. Ich tröste mich, was sind schon 15 Stunden, mit ehrfürchtigem Schauern habe ich am Abfahrtsterminal die Fahrzeit nach St. Petersburg zur Kenntnis genommen: 42,5 Stunden - wenn an der Grenze zum weißrussischen Schnauzbartdespoten ordentlich geschmiert wird.

Wir immerhin fahren jetzt endlich, das merkt man vor allem an der schlagartig einsetzenden Musik aus den Buslautsprechern, die offensichtlich mäßig synchronisiert zu den üppigen Damen auf den Bordbildschirmen gehört: Turbofolk, das allfällige Balkangedudel mit schwer-chauvinistischer Tendenz in den wenigen Textzeilen. Später gibt es dann noch eine populäre Filmkomödie aus serbischer Produktion, in der sich möglicherweise stark angetrunkene Familienväter in Fleckentarnungsklamotten in Schlammlöcher fallen lassen und wenn's ganz hart kommt noch ein Partisanenfilm. Ich übe schon einmal meinen Einsatz: An den richtigen Stellen "Achtung!", "Partisanenschweinescheiße!" und "Herr Leutnant!" brüllen kommt bei den serbischen Mitfahrern immer gut an.

Ich freue mich auf eine vergnügliche Nacht in mehreren europäischen Ländern.

Achim Wigand

Der Münchener Autor Achim Wigand, Jahrgang 1968, scheut wirklich keine Tortour für seine Reiseführer... Mehr von ihm unter www.michael-mueller-verlag.de

Marka_paoli_i

Bild: "Mein Fahrrad, meine Psychose und ich" von Marka Paoli

Marka Paoli lebt heute nach Jahren in New York und Brüssel als Malerin in Hersching am Ammersee und zeigt kraftvolle Bilderzyklen. Sie ist als Übersetzerin unterwegs gewesen und hat in diversen Kunstschulen zwischen Podmoskowje, Salzburg und München gelernt. Das Fahrrad ist für Sie ein Symbol für Zweisamkeit...

Transport - Lautlos weiter

S-Bahn

Durch den späten Abend
fahre ich zu Dir in einen
orangefarbenen
Waggon getaucht
Die Menschen schweigen hier
und ein leises Räuspern und das
Rascheln von Papier zieht einsam
durch die hellen Gänge

Im Spiegel der nachtdunklen Scheibe
sehe ich mein Gesicht und die,
die mich beobachten.
Erstarrt klebt mein eigener Blick
am Glas und meidet
sich hier umzusehen

Später bei dir sitzen wir
uns gegenüber
Sanft verschoben und entfernt wie
Reisegäste beim Transport
Verstohlen die Blicke auch hier
und keiner von uns beiden spricht
ein Wort
So fahre ich lautlos in Gedanken weiter

Silke Vogten

S-bahn

Bild: Silke Vogten

Impressum

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Nr. 7 Juli 2011

Escapade_head_nr

Editorial

Liebe Freunde, Kollegen, Medienschaffende,

unsere Party zur Print-Version von Escapade belles-lettres fand gestern statt, und noch berauscht von diesem Abend würden wir am liebsten den Tag im Bett verbringen mit einem guten Buch. Das wäre eine schöne Nachbereitung, wobei einem das Wetter egal sein kann.

Eine Sommer-Lese gibt es in dieser Ausgabe: renommierte Autoren empfehlen Euch Bücher.

Wir Escapadistinnen bieten an dieser Stelle etwas ganz Neues. Wenig amüsiert von der Praxis, dass allerorten Journalisten-Autoren ihre Autoren-Journalisten-Freunde rezensieren, haben wir unsere Autoren (Journalisten, Freunde) gebeten, ihre Werke doch gleich selbst zu rezensieren.

Wir ernteten erst einmal Ablehnung. Jedenfalls von einer Kollegin. Aber nicht, weil sie unser Ansinnen empörte, sondern weil sie ihr Buch gar nicht so toll findet (!)

Friedrich Schiller war ja mit seiner Selbstkritik so weit gegangen, dass er unter Pseudonym einen Verriss über „Die Räuber“ schrieb - was hier von Gregor Weber, Christian Bartel und Achim Wigand steht, finden wir sogar noch besser! Außerdem Fotos von Gerd Neuhaus, Empfehlungen von Carola Wegerle, Iris Hanika und Gunda Wienke. Lest selbst und genießt.

Eure,
Flora Jörgens und Silke Vogten

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Foto: Melina liest von Flora Jörgens

Sommerlese

Krimi

Eigentlich hört sich das ja furchtbar an… Ich, ein Schauspieler, ein sogenannter Taddordgommissar – als ob das eine Berufsbezeichnung wäre – habe einen, Achtung: Krimi geschrieben, Titel: „Feindberührung“, es geht um seelisch zerstörte Afghanistanheimkehrer und eine Rockerbande. Piffpaff.
Zugegeben, Autobiographie wäre vorneweg peinlicher gewesen, ich bin ja erst 42 und der Meinung, dass ich noch nicht allzu viel Berichtenswertes erlebt habe. Was ich im Übrigen ganz in Ordnung finde, denn ein berichtenswertes Leben zu führen, ist ganz schön anstrengend.
Bei einer Lesung bin ich sogar schon gefragt worden, ob ich „als Taddordgommissar“, nicht Angst gehabt hätte, einen Krimi zu schreiben. Die richtige Antwort wäre gewesen: Taddordgommissar hat vor nie nix Angst, weil: ähnlich supermännlicher Beruf wie Geheimagent. Tatsächlich geantwortet habe ich aber, dass ich immer Respekt vorm Schreiben habe, mache ich ja schließlich noch nicht so lange und außerdem hat der Beruf des Schriftstellers oder Autors neben einer unendlich langen Reihe von Vorzügen auch einen gewichtigen Nachteil gegenüber der Tätigkeit als Taddordgommissar: Wenn’s Ergebnis nix is, bin ich, der Autor, selber schuld und kann nicht mit dem dicken beleidigte-Leberwurst-Finger des Taddorgommissars auf Drehbuchautor oder Redaktion oder Regie oder alle auf einmal zeigen.
Also warte ich, wie alle Autoren, auch wenn Sie es nicht zugeben, auf Rezensionen, damit ich weiß, ob mein Buch gut ist oder eher nicht so. Auch auf Amazon, der wichtigsten Rangliste für alle, die es nicht auf die vom Spiegel schaffen, gucke ich regelmäßig nach. Zwei Rezensionen hab ich dort schon (mit Datum heute…) und sie sind begeistert. Ich gebe zu Protokoll, dass es sich bei den Rezensenten meines Wissens nach nicht um Freunde oder Bekannte handelt.
Die Steigerung von der durch jemanden aus dem sozialen Umfeld des Autors verfassten Kritik ist übrigens die Besprechung des Buches durch den Autor selbst. Und genau so etwas lesen Sie gerade. Wobei ich denke, der Umstand, dass mein richtiger Name darunter steht, mindert die Eigenartigkeit etwas. Trotzdem komme ich mir vor, als würde ich gerade unter irgendeinem möglichst abseitigen Nickname einen Wikipediaeintrag über mich selbst schreiben. Sehr peinlich. Denn Wikipedia gilt natürlich nur, wenn jemand schreibt, den man nicht persönlich kennt, ist ja klar.

Ich habe während des Schreibens übrigens immer mal wieder hektisch gesucht, ob ich nicht doch noch eine „richtige“ Rezension aus dem Netz fischen kann, zum zitieren, und heute ist es tatsächlich gelungen! Es ist sogar eine erstens nicht unfreundliche und zweitens eine besonders offizielle: Thomas Wörtche, dessen Meinung einem als Krimiautor nicht wurscht sein kann, findet mein Buch einerseits sehr gelungen, weil echter Krimi (kein Grimmi, wie er aus seiner Sicht Verachtenswertes nennt) und attestiert mir, realistische Polizeiarbeit spannend schildern zu können – was mich sehr freut, weil ich mit ein paar Polizisten befreundet bin und sie ungern enttäuschen möchte. Er nennt das Buch „einen Kriminalroman im besten Sinne“, „konzeptionell bestens erdacht“ und „meilenweit vom üblichen Grimmigedödel der witzischen und belanglosen Sorte entfernt“. Das ist ganz toll, ehrlich. Danke, lieber Thomas Wörtche.
Aber: obwohl Wörtche es grundsätzlich ganz gut findet, dass mein Hauptkommissar Kurt Grewe kein saufender, sozial defizitärer Einzelgänger mit genialen Eingebungen, sondern ein glücklich verheirateter Beamter und Familienvater ist, der sich seinen Kollegen gegenüber normal höflich verhält, bemängelt er, dass ich eben dieses zu redundant und bräsig beschreibe,– vor allem, zu oft. Und überhaupt könnte, dürfte, sollte ich böser schreiben, weniger glatt, einfach mit mehr schriftstellerischer Risikobereitschaft, sprich Cojones, denn – das immerhin – er hält mich für „vielversprechend“ und zu den von ihm gewünschten Verbesserungen fähig. Ich mag den ganzen Aber-Teil naturgemäß nicht so sehr wie den Immerhin-Teil, muss aber zugeben, dass er klug geschrieben ist und ich überhaupt Vehemenz grundsätzlich extrem befürworte und der Wörtche, der ja eine Menge von Literatur und insbesondere Krimis versteht, vielleicht ein bisschen Recht hat, wer weiß? Aber da muss sich der Leser seine Meinung bilden. Und wenn er zu einer solchen gekommen ist, dann bloß her damit! Ich will nämlich noch mehr Krimis schreiben und die sollen alle gut werden, oder besser oder mächtig gewaltig und nicht nur solchen Freizeitlesern wie mir, sondern auch dem Wörtche richtig gut gefallen. Und dann muss ich meine Rezensionen hoffentlich nicht mehr selber schreiben.

Gregor Weber

Gregor Weber („Feindberührung“, Knaus-Verlag) ist nicht nur Schauspieler und Koch, sondern beweist auch hier, wie gut er mit Worten umgehen kann. Sein Krimi ist mindestens genauso ungewöhnlich wie gut geschrieben und Kommissar Grewe fühlt sich – wie alles in dem Buch – einfach echt an. (Aber WIR wollen hier ja nicht rezensieren)

Weberklein

Sommerlese

Reise

Gute Nachricht: wir schreiben das Jahr 2022 und die Menschheit existiert noch, nicht einmal Europa ist unter der gewaltigen Papiermenge von inflatorisch gedruckten Drachmen-Banknoten verschwunden, die eine verzweifelte Regierung nach dem Ausscheiden des Landes aus dem europäischen Währungsverband 2013 hat drucken lassen. Schlechte Nachricht: Die BILD-Zeitung gibt es immer noch und nachdem die Gigantofantastilliarden-Geldscheingebirge vor dem Hellespont nun schon lange nicht mehr schlagzeilenträchtig sind und nicht jeden Tag ein Pädophiler aus dem Kindergartengebüsch zur Sterilisation ausgeschrieben werden kann, hat sich im Frühwinter ein investigatives Team von Europas immer noch Größter aufgemacht, um die dunklen Geheimnisse umkränzter Laureaten auszugraben. Frisch aus der Zukunft: Der BILD-Aufmacher vom 10. Dezember 2022:
Nobel-Schock! Stockholm ehrt Autor mit finsterer Vergangenheit!
Wenn heute Abend Königin Victoria mit leuchtenden nordischen Pausbäckchen die diesjährigen Nobelpreise in einer feierlichen Zeremonie übergibt, weiß die mollige Schönheit dann, wen sie dort auszeichnet? Unter Preisträgern befindet sich auch der deutschstämmige Wignald Amin (wir berichteten: Deutscher wird Bücher-Kaiser!). Was kaum einer weiß: der im undeutschen Ausland lebende Wignald hat ein dunkles Geheimnis. Bevor er mit seinen kaum lesbaren Romanen ( u.a. der Generationenroman „Miststück. Eine Vorführung“) und seinen unspielbaren Theaterstücken (z.B. „Vorführung. Ein Miststück“) bei einer radikalen Minderheit von linken Literaturkritikern zu zweifelhaftem Ruhm kam, schrieb er am unteren Ende des Buchgewerbes! Unter seinem bürgerlichen Namen – der sich so revolutionär gebärdende Wignald stammt aus einer uralten deutschen Zuckerdynastie – Achim Wigand erschienen ab 2006 einige Reiseführer. BILD hat sie vom Staub der unverkäuflichen Remittenden befreit und einmal darin geblättert – und einen Sensationsfund gemacht! Preis-Wut! Er machte München nieder!
Einige schockierende Zitate aus seinem 2008 erschienenen Buch „München“, in Wahrheit eine Hetzschrift über die schönste deutsche Stadt: „…politreaktionäre Bierdimpflstadt…“ reiht sich hier an „…eine der überschätztesten Veranstaltungen der Welt…“ (über das tolle Glockenspiel!) und „…trostlose Grünanlagen neben verkehrsinfarktgefährdeten Straßen…“. Woher nur all dieser Hass auf die gemütliche Metropole, die ihm doch immerhin über ein Jahrzehnt eine Heimat bot? Aber ein paar Seiten weiter wird klar, woher der Wind weht: ein ganzer Rundgang befasst sich mit dem angeblich ach so „Braunen München“ – ein altlinker Reflex, den Deutschen ewige Schuld einzureden. Nur gut, dass die letzte deutsche Kanzlerin aus dem bürgerlichen Lager schon vor 10 Jahren dieser Netzbeschmutzung ein Ende gemacht hat, und in der Folge dieses üble Machwerk vom Markt genommen werden musste. Auch die „Tipps“ für die Abendgestaltung sprechen eine deutliche Sprache: Seitenlang werden hier ein zwielichtiges Kaschemmen-Gomorrha unter der Rubrik „Gay & Lesbian“ beschrieben. Gemütliche Gasthäuser, in denen Touristen mit den Einheimischen deutsches Liedgut anstimmen können, sucht man beinahe vergeblich.
Skandal-Autor beleidigt Ausland!
Noch schlimmer wird das alles, nimmt man sich sein schon 2006 auf den Markt gedrücktes Machwerk „Montenegro“ vor. Hier wird beleidigt und geflucht und unverhohlen zu Gesetzesbrüchen aufgerufen, dass dem Auswärtigen Amt ganz angst und bang geworden sein muss. Gesetzliche Vorgaben werden zu „…lästigen Formalien…“ herunter geschrieben, die es „…zu vernachlässigen gilt…“, Reisende aus anderen Ländern unverhohlen zu „…trägem Grillfleisch an den Stränden…“ herab gewürdigt und sogar der montenegrinischen Regierung, dem Sturmgeschütz gegen Korruption und Unrecht auf dem Balkan wird nur ungenügend getarnt Bestechlichkeit und Bereicherung vorgeworfen! Weiß das kleine Land an der Adria, welche Natter sie da am Busen nährt? Wignald Amin lebt nämlich nach den umfangreichen Recherchen von BILD seit einigen Jahren konspirativ zurück gezogen auf einem kleinen Boot in einem Hafen des Balkanstaats.
Stoppt den Irrsinn in Schweden!
Mit den Resultaten unserer investigativen Untersuchung konfrontiert, wollte sich ein Sprecher der Nobelstiftung nicht äußern, auch das königliche Hofmarschallamt hüllte sich in königliches Schweigen. Unter der Hand konnten wir aber erfahren, dass die schwedische Königin eine Alkoholvergiftung vortäuschen könnte, um der peinlichen Begegnung mit einem radikalen Gesinnungsschreiber aus dem Weg zu gehen. Milliarden von BILD-Lesern aber fordern: Stoppt die Nobel-Schande und hoffen darauf, dass heute Abend in der Gluthitze von Doha (siehe Sport: Lothars Freundin Sonnenbrand im Dekolleté! Plastik geschmolzen?) unsere Jungs im WM-Halbfinale der Welt ein würdigeres Deutschland zeigen werden.

Achim Wigand

Achim Wigand hat zugesichert, bis zum Nobel-Preis für uns zur Verfügung zu stehen. Außerdem kann von ihm lesen unter: www.Achimwigand.michael-mueller-verlag.de

Hand-buch2

Foto: Hand-Buch von Gerd Neuhaus

Gerd Neuhaus, Jahrgang 44 aus Bochum-Wattenscheid, ist gelernter Dekorateur und Frauenversteher. Er hat dieses Mal zwei Stills fotografiert.

Sommerlese

Roman

Der "Zivildienstroman" ist eine komische Coming-of-Age-Geschichte aus dem Zivildienstleistenden-Milieu. Damit zählt das Buch zu den historischen Romanen, was der Autor beim Schreiben aber noch nicht wissen konnte.
In der Zwischenzeit hat bekanntlich ein adeliger Hochstapler, der kurz darauf in der Versenkung verschwunden ist, das Ende des Zivildienstes eingeläutet, aber Mitte der 1990er Jahre stand der Dienst (und der Autor) noch in voller Blüte und wurde gern als Zwischenlager für Jungs ohne dringenden Karrierewunsch genutzt.
Von dieser Zeit erzählt der Roman:
Drei Freunde haben die schier endlosen Jahre ihrer Schulzeit hinter sich gebracht und galoppieren nun mit mehr Enthusiasmus als Verstand in die Welt hinein, wo sie sich umgehend in den Fallstricken des Lebens verheddern. Als erste Hürde baut sich vor ihnen der Zivildienst auf, aber auch die Liebe entpuppt sich als schwieriges Geschäft.
Der Ich-Erzähler versucht seinem Herzen zu folgen und landet dabei unversehens im Behindertenbusiness, wo er Menschen mit recht beeindruckenden Flausen im Kopf kennenlernt, die er betreuen soll. Dabei hat er schon mit der Eigenbetreuung alle Hände voll zu tun, außerdem ist er nicht gerade der geborene Anführer. Die Damen und Herren Behinderten wissen nämlich meist ganz genau, was sie wollen, was man unserem Erzähler nun wirklich nicht nachsagen kann. "Das ist wirklich komisch, schräg, bissig. Und mit einem tiefen Verständnis für Jungs", fand Anna Pataczek vom Berliner "Tagesspiegel" und genauso war es ja gedacht.
Man könnte zusammenfassend sagen: Es geht um Sex, Drugs & Behindertenarbeit. Sollte man aber nicht, denn "Behindertenarbeit" ist ein blödes Wort und gibt nicht zutreffend wieder, welch berückende Abenteuer sich mit interessanten Herrschaften wie dem wilden Käpt´n Horsti oder Günter, dem Außerirdischen, erleben lassen. Der schweizerische Bibliothekenverband ist mutig und empfiehlt das Buch für Leser ab 12 Jahren. Der Autor empfindet das als große Ehre.

Christian Bartel

Christian Bartels „Zivildienstroman“ (Carlsen Verlag) sorgte live (30.6. Escapade-Print VÖ) für viel Vergnügen und wurde in Escapade Nr. 4 vorgestellt.

Buch-aufgeschlagen2

Foto: Buch, mit viel Luft zwischen den Seiten von Gerd Neuhaus

Sommerlese

Sachbuch - mal ernst

Geht es Ihnen manchmal auch so? Das Wort liegt Ihnen auf der Zunge, aber es fällt Ihnen beim besten Willen nicht ein. Ein Name, den Sie genau kennen, eine Bezeichnung, die Ihnen geläufig ist, eine bekannte Redewendung scheinen in Ihrem Wortschatz nicht mehr vorhanden zu sein. Später, beim Duschen oder Autofahren, ist der Begriff dann wieder da, so selbstverständlich, als wäre er nie „weg“ gewesen.
Sie haben eine Prüfung, und in Ihrem Kopf ist plötzlich nur noch ein schwarzes Loch. Blackout. Kommt Ihnen diese Situation bekannt vor? Sie hören einer Freundin zu, die Ihnen etwas erzählt, das Sie durchaus interessiert, bemerken aber plötzlich, dass Sie schon längere Zeit gedanklich abgeschweift sind. Wenn Sie jetzt nachfragen, wird es peinlich. Sie möchten eine Aufgabe erfüllen, aber Ihr Kopf fühlt sich an, als wäre er voll Watte. Ausschließlich. Ihnen wird schwindlig, wenn Sie versuchen, sich auf bestimmte Gedanken zu konzentrieren.
Oder Sie lesen eine Seite zum dritten Mal, ohne ihren Inhalt begriffen zu haben. 623 73 72 - nein, so eine leichte Telefonnummer brauchen Sie sich doch nicht zu notieren! Hätten Sie es doch getan, 15 Minuten später können Sie sich beim besten Willen nicht mehr an die Zahlen erinnern.
Falls Ihnen die eine oder andere Situation bekannt vorkommt, sind Sie genau der Leser, den ich mit diesem Buch ansprechen möchte. Es soll Sie dabei unterstützen, sich bei allem, was Sie tun, besser zu konzentrieren. Denn diese Fähigkeit ist ein wesentlicher Faktor für Erfolg und Erfüllung. Sie lernen, Inhalte entspannter aufzunehmen, um Ihrem Gehirn damit die Möglichkeit zu geben, sie sofort assoziativ zu verknüpfen. Dadurch behalten Sie die neuen Informationen besser, schaffen einen persönlichen Bezug zu ihnen und können sie genau dann, wenn Sie sie brauchen, leicht abrufen.

Carola Wegerle

Carola Wegerle ist Schauspielerin, Autorin, Kinesiologin und Kommunikationstrainerin. Sie lebt in München.

Besser_konz

„Besser Konzentrieren“ von Carola Wegerle; Der Workshop für ein besseres Gedächtnis, Konzentration in allen Lebenslagen, plus DVD mit vielen Übungen.

Sommerlese

Empfehlung I

Vor einigen Monaten habe ich den russischen Schriftsteller Leonid Dobycin entdeckt, der 1936, in seinem zweiundvierzigsten Lebensjahr, noch am selben Tage spurlos aus Leningrad verschwand, an welchem bei einer Zusammenkunft des Schriftstellerverbandes sein erster Roman, „Die Stadt N“, vermutlich in der guten Absicht, bekanntere, ältere Kollegen zu schützen, zu einem Musterbeispiel des „Formalismus“ erklärt worden war, was zu jener Zeit in der Sowjetunion einem, wie mit Grund zu fürchten war, nicht nur künstlerischen Todesurteil gleichkam. Diesem entzog sich Dobycin. Seit dem Abend des 28. März 1936 wurde er nicht mehr gesehen (und es wurde auch keine Leiche gefunden). Leonid Dobycin hat ein kleines Werk hinterlassen. Darunter ist der zu seinen Lebzeiten unveröffentlicht gebliebene Roman "Surkas Verwandtschaft“. Der war das erste, was ich von ihm las, und diese Lektüre überwältigte mich so vollkommen, dass ich tagelang außer mir war und nicht wusste, wie mein Leben weitergehen sollte. Wem der Sinn nach so etwas steht, wer sich außerdem an hervorragender Buchgestaltung zu erfreuen und mustergültige Übersetzungen zu schätzen weiß (diese sind vom nicht genug zu preisenden Peter Urban), der sollte diese beiden Romane von Leonid Dobycin lesen.

Iris Hanika

Iris Hanika, Berlin, ist preisgekrönte Schriftstellerin („Treffen sich zwei“, „Das Eigentliche“). Sie hat das aufgeschlagene Buch fotografiert.

Dobycin_klein

Leonid Dobycin: Im Governement S. Surkas Verwandtschaft. Roman. Berlin Friedenauer Presse 1996. Leonid Dobycin: Die Stadt N. Roman. Berlin Friedenauer Presse 2009. Beide übersetzt und mit Anmerkungen und Nachwort von Peter Urban. (Wir bedauern, hier aus technischen Gründen nicht die kyrillische Schreibweise wiedergeben zu können)

Sommerlese

Empfehlung II

Bisher waren es Filme, wie "Amores Perros" oder "21 Gramm", die die brutalen Zustände der Korruption und den Fragen nach den Profiteuren auf US-Seite nachgingen, jetzt rückt im Land von Octavio Paz und Carlos Fuentes die zeitgenössische Literatur wieder ins Blickfeld. Im "Abgesang des Königs" eint der 1970 geborene Schriftsteller Yuri Herrera, zwei Genres, die Mexikos Kultur seit geraumer Zeit prägen: "Narccoriddos" und Narcoliteratur. "Narccoriddos" sind Lieder im Walzer- oder Polkarhythmus, die Drogenhändler glorifizieren. Zunächst entstanden als volkstümliche zynischen Beschreibung der Realität und mittlerweile verkommen zur Propaganda, der Drogenbosse. Die Narcoliteratur hingegen lässt sich nicht von den Kartellen vereinnahmen, sondern versucht einen bürgerlich-intellektuellen Widerstand gegen die kriminellen Verhältnisse aufzubauen.
Herreras "Abgesang des Königs" ist eine dichte poetische Parabel auf die mörderischen Verhältnisse in Mexiko. El Rey: Ein König, mächtig und grausam, einer, der die Musik liebt, sich gern unter das einfache Volk mischt und seinem Hofstaat gelegentlich seine Gunst erweist. Lobo, ein Musiker, der sich unter seinen Schutz stellt und mit seinen Lobliedern den Ruf des Königs mehrt, indem er passende Texte schreibt, die er mit einem guten Akkordeon-Soundtrack unterlegt. Je mehr Lobo erfährt, desto tiefer gerät er ins Zentrum eines perversen Systems. Wissen ist Macht, und so wird in dieser kunst- wie kraftvollen Parabel nicht zufällig der Künstler zur Gefahr in diesem Gefüge, in dem es außer dem Tod kaum ein "Außerhalb" geben kann. Jorge Volpi bemerkt bewundernd, dass Herrera eine "literarische Ballade" geschrieben hat, ein Buch, das so kompakt und auf den Punkt ist, wie ein gutes Narcorrido, indem in dreieinhalb Minuten alles gesagt sein muss über Leben und Tod.

Die bekannte Theaterschriftstellerin Sabina Berman legt mit "Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte" ihren zweiten Roman vor. Die Drogenmafia spielt darin keine explizite Rolle schwingt aber - wie auch die sozialen Konflikte zwischen der indigenen und hispanischen Bevölkerung - jederzeit mit. Die Geschichte handelt von der Autistin Karen, die schmerzvoll erlernen muss, "ich" zu sagen.
Als Karen Eltern sterben, übernimmt ihre Tante Isabella, die elterliche Thunfischfabrik und kümmert sich um das vernachlässigte und misshandelte Mädchen. Nach dem frühen Tod der Tante gelingt es Karen, die marode Firma zu neuen Höhen zu führen. Dank ihrer autistischen Inselbegabung, findet sie eine Methode, Thunfische zu töten, ohne vorher bei ihnen Angst auszulösen (somit werden keine geschmackszerstörenden Stresshormone frei gesetzt, die die Fleischqualität mindern). Ihre Firma expandiert weltweit – um schließlich das industrielle Töten der Thunfische auf überraschende Weise zu beenden. Die Außenwelt hält sie deshalb für eine Idiotin, die Ich-Erzählerin sieht das anders.
René Descartes Credo "Ich denke, also bin ich" empfindet sie als Frevel und sieht darin die Wurzel der menschlichen Überheblichkeit gegenüber seiner Umwelt: "Man muss ja nur zwei Augen im Kopf haben, um zu sehen, dass alles, was existiert, erst existiert und dann etwas damit geschieht. Aber am Unglaublichsten ist, dass dieser Philosoph nicht vermutet, dass es so sein könnte, sondern nur in Worte fasst, was die Menschen von sich selbst glauben. Dass sie erst denken und dann existieren. Und das Schlimmste kommt erst noch. Dass die Menschen, eben weil sie in dem Glauben leben, dass sie erst denken und dann existieren, auch glauben, dass alles, was nicht denkt, nicht existiert. Ich dagegen habe nie vergessen, dass Ich erst existierte und dann, mit großer Anstrengung, zu denken lernte. Tja, das ist meine Entfernung zu den Menschen." Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte" ist zum einen ein engagierter Entwicklungsroman, zum anderen liest er sich wie ein spannender Wirtschaftskrimi und ist unbedingt lesenswert.

Gunda Wienke

Gunda Wienke ist Redakteurin bei „Matices – Zeitschrift zu Lateinamerika, Spanien und Portugal“ in Köln.

Sabina Berman: "Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte", deutsch von Angelica Ammar, S.Fischer, 303 Seiten, 19,95 Euro. Yuri Herrera: "Abgesang des Königs", S. Fischer, 142 Seiten, 14 Euro.

Impressum

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Nr. 6 Juni 2011

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Editorial

Liebe Freunde, Kollegen, Medienschaffende,

war Gunter Sachs tatsächlich der letzte Playboy, so wie er in fast jedem Nachruf bezeichnet wird? Wir meinen: nein. Und sie sind keineswegs im Zeitalter der sexuellen Revolution überflüssig geworden. Sie kamen zwar Mitte der Sechziger aus der Mode. Und dann auch noch in Verruf durch Imitatoren im beginnenden Discozeitalter, die doch nur halbseidene Vorort-Strizzis mit restringierten Sprachcodes waren.

Aber es gibt sie weiter: Männer mit dem gewissen Irgendwas – Gesicht, Statur, Gesten, Haltung... woran lässt es sich festmachen?

Ein Mann, „der in einen Raum kommt, und der Raum ist voll, weil die Ausstrahlung so groß ist“ (das sagte ein bekannter Sänger über einen bekannten Schauspieler). Geld, Macht, Prominenz? Eher nicht. Obwohl Gunter Sachs von allem genug vorzuweisen hatte.
Aber es schmolz die Bardot erst – die selbst genug von all dem besaß und dazu noch eine unerschrockene Eroberin war – als der Verehrer vom Helikopter aus Rosen über ihrem Grundstück abwarf.

Die Playboys – ein aktuelles Thema für Escapade. Wir schauen ihnen in die Karten, den Betörern, Beschwörern, Frauenflüsterern. Das Spiel der Buben mit den Damen. Vielleicht ist der Playboy von gestern der pick-up-artist von heute. Fest steht aber: es gewinnen die Damen. Wir wünschen Euch eine gute Hand.

Eure,
Flora Jörgens und Silke Vogten

P.S. Playboys encore... am 30.6. präsentieren wir Escapade-Print live in Köln, s.u.!

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Foto: Gunter Sachs Stippvisite in Acapulco, Archiv Jacqueline Petite

Der Playboy

ist nicht tot

In der SZ schrieb Andreas Zielcke am 10.5.2011 über Gunter Sachs, das dieser von allen als letzter seiner Art bezeichnete Playboy im Grunde „spät dran“ war, „nur mehr das Echo des erotischen Spielers, der mit den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufgekommen war“.
Tatsächlich hatten die Big Player das Damen-Eroberungsspiel weltläufig betrieben und zur Lebensaufgabe im Luxusmilieu gemacht. Dennoch waren nicht alle der Herren von Hause aus reich wie Sachs und Ali Khan, hinter klangvollen Namen wie Porfirio Rubirosa, Alfonso Prinz zu Hohenlohe, Teddy Stauffer, Freddie McEvoy verbergen sich der Reihe nach: Schurke mit Diplomatenpass, cleverer Gastronom, geschäftsführender Gastronom ohne nennenswertes Einkommen und erbarmungsloser Schurke.
Einen sehr klugen Blick auf ihr Treiben richtet Wilfried Rott mit seinem Buch „Das süße Leben der Playboys – Geschichte einer Kultfigur“. Er kommt darin, also bereits 1998, zu dem Schluss, dass es sehr wohl Nachfahren gibt: „der Fahrer des tiefergelegten BMW, der rastlos um die Welt jettende Ferntourist, der promiske Viellieber, der bindungslose und bindungsscheue Single auf der Suche nach dem schnellen Disco-Spaß, der sein Vermögen leichthin genießende Erbe – sie alle leben einen Teil jenes Gesamtlebenskunstwerks, das die Playboys vergangener Tage prototypisch geschaffen haben.“

Flora Jörgens

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Foto: Teddy Stauffer in seinem Metier, Archiv Jacqueline Petite

Der Playboy

hat Stil, was immer das auch ist

Bis in die 1960er Jahre hatte jeder Mann Anzug und Krawatte zu tragen. So die bürgerlichen Konventionen. Da erregte Ali Khan beträchtliches Aufsehen. Der „Spiegel“ beschrieb 1955, wie er lässig in einer etwas abgetragenen Jacke und Sandalen über die Croisette schlenderte. Khan gab damit einen neuen modischen Ton an, wenngleich er im „Ritz“ natürlich nur im eleganten Smoking dinierte. Der Cambridge-Absolvent hatte – Style. Einmal lud er Bing Crosby zum Pferderennen in Longchamp ein. Als er ihn in der Hotelhalle sah - Strohhut, weißbraune Schuhe, rosa Hemd und gelbe Krawatte - ließ er ihn wortlos stehen. Khan selbst trug zu diesem gesellschaftlichen Anlass steingrauen Cut nebst Zylinder.
Der Playboy in den 60ern legte den Schlips ab, trug zum Sakko stattdessen entweder Rollkragenpulli oder ein um den Hals geschlungenes Tuch zum offenen Hemd. Aber tunlichst nicht aus Polyester. Alfonso Prinz zu Hohenlohe überlebte wegen der Top-Qualität seiner Oberbekleidung einen Flugzeugabsturz als einer von wenigen Passagieren. Er notierte später: „Meine Haare brannten, mein Hemd glücklicherweise nicht – es war aus Seide.“
Allgemein war dieser Stil - damals auch gern getragen: Marine-Blazer und Slipper an den nackten Füßen - eigentlich recht unauffällig. Dennoch gab es hin und wieder modische Ausrutscher. Sogar von Gunter Sachs, der seiner Mutter zuliebe (oder war es nur blanke Ironie, weil sie bei Brigitte Bardot ein „Dirndl“ im Schrank vermisste?) im folgenden Look zum Abendessen ging: kurze Lederhose, Wadl-Strümpfe und Jägerhut - was die Bardot „grotesk“ fand.
Erstaunlich stillos dann aber doch auch Ali Khan. Der hatte 1953 nach seiner Schnell-Scheidung von Rita Hayworth per Brief ans Gericht eingewendet, dass er jährlich 48.000 Dollar Unterhalt für die gemeinsame Tochter für zu hoch erachtetete, da „in Zeiten, in denen Kommunismus und soziale Revolution herrschen, auch meine Reichtümer schwinden können“.

Flora Jörgens

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Foto: Teddy Stauffers Damensolo am Schlagzeug, Archiv Jacqueline Petite

Der Playboy

was hat er denn?

Ja, das gewisse Etwas, woran lässt es sich festmachen? Erst einmal: es gibt keine einfache Formel. Giacomo Casanova, der Urahn aller Playboys, hielt sich selbst nicht für schön. Frauen fallen zur besonderen männlichen Ausstrahlung Vokabeln wie „faszinierend, charmant, magisch, magnetisch“ ein.
Wilfried Rott schlussfolgert in seinem Buch richtig, dass es die Zuwendung ist, die ein Mann einer Frau zuteil werden lässt (aber auch dies hatte schon Casanova selbst ausgesprochen). Der Auserwählten das Gefühl zu geben, sie sei die einzig interessante im Raum. Zuhören und wenig reden, lächeln, ihr auf den Mund schauen – soweit ein paar seltene Pretiosen aus der Escapade-Herausgeberinnen-Schatulle. Jacqueline Petite, die Dame aus Acapulco, schildert, dass Teddy Stauffer halb verborgene Blicke hinter den ins Gesicht fallenden Haarfransen losließ. Und er lud Damen ein, ihm zuzuhören: er habe seine Geige seit Jahren nicht mehr gespielt, und sie sei nun die Erste, die in den Genuss käme, und nur für sie würde er... wie sich dann herausstellte, als sich zwei Frauen unterhielten: genau das gleiche Musikstück spielen!
Wer „pick up artist“ googelt, landet über 9 Millionen Treffer. „Lerne, wie man Frauen natürlich verführt“. In erster Linie wird Jungs da vorgegaukelt, dass sie mit dem richtigen Seminar oder Buch jede Frau rumkriegen können. Aber wer sind wir, dass wir das anprangern? Sollen sie doch üben!

Flora Jörgens

Der Playboy

auf der Couch

Tags darauf war ich wieder nüchtern, schmiss mich aufs Sofa meiner provisorischen Untermietswohnung und studierte das Heft – Seite für Seite, Bild für Bild, Wort für Wort, um den „neuartigen Stil“ vollkommen zu verinnerlichen. Ich war 15 Jahre alt gewesen, als ich zum ersten Mal eine Ausgabe dieses Magazins in der Hand gehalten hatte – auf der Suche nach einem erschwinglichen Geburtstagsgeschenk für meinen Vater. Die Zeitschrift war mir damals sehr spannend erschienen, und ich erinnerte mich noch gut an die Inhalte und den Stil des Hefts: Da ging es um Halbwelt, Koks und Abenteuer, um verruchte Frauen, exzessive Partys und ein wenig auch um Revolution. Da gab es zehnseitige Exklusiv-Interviews mit Yassir Arafat, Fidel Castro, Muhammed Ali und Marlon Brando, also mit Menschen, die in ihrem Leben schon mal die einoder andere interessante Sache gemacht hatten. Da waren Kurzgeschichten abgedruckt von Hunter S. Thompson, Jörg Fauser und Charles Bukowski – alles Leute, von denen man in puncto Sarkasmus, Coolness und Rasanz einiges lernen konnte.
Doch wie ich jetzt auf meinem Sofa feststellen musste, kam keines dieser Elemente in der aktuellen Heftausgabe vor. Zwar wurden auch dort Menschen präsentiert, die durch die Bank Rebellen waren: Ein gewisser Larry J. Ellison – seines Zeichens Boss von Oracle – bezeichnete sich beispielsweise als „Revoluzzer“, weil er während der Hippiezeit am liebsten Anzüge getragen, Yachten gekauft und Finanzimperien aus dem Boden gestampft hatte. Ein anderer Mann namens Oliver Geissen sah sich als „Rebell zur falschen Zeit“, weil ‚Born in the USA’ 1984 seine absolute Lieblingsplatte gewesen war, und ein dritter namens Johannes B. Kerner nannte sich einen „eingefleischten Querdenker“, weil er für seine Frau jedes Mal den Abwasch erledigte. Auf derselben sonderbaren Wellenlänge wie diese drei Menschen, die auch sonst nur Mist zusammenquatschten, lag das ganze Heft: Da wurden seitenweise Wörter wie „Neckholder“, „Chiffontop“ und „Designkreation“ heruntergebetet, da wurden am laufenden Band Namen wie „Dolce & Gabbana“, „Galliano“ und „Gaultier“ beschworen, und da gab es keinen einzigen Text mehr, der noch irgendeinen politischen Bezug gehabt hätte – abgesehen vielleicht vom Special „Der todesgeile Privatflugzeugträger des US-Präsidenten (Zum Aufklappen!)“
In Mexico City hatte ich Journalisten kennengelernt, die ich für fähig hielt, eine zeitgemäße Männerzeitschrift zu schaukeln. Sie alle waren liebenswerte Koksnasen gewesen, Spötter und Desperados – gewohnt, schallend zu lachen, sich die Nebenhöhlen zu verkleistern und schönen (bisweilen auch weniger schönen...) Frauen hinterherzujagen, die ihrerseits nie darum verlegen waren, ihre Verfolger an der Nase herumzuführen. Zusammen mit diesen Menschen hätte ich mir zugetraut, bei einer solchen Zeitschrift mitzuarbeiten, aber was ich hier auf dem Sofa in den Händen hielt, stürzte mich in tiefe Zweifel: Das konnte ja heiter werden, wenn ich, der jahrelang geglaubt hatte, dass „Dolce & Gabbana“ eine italienische Nachspeise war und „Galliano“ eine der wenigen Alkoholika, die untrinkbar waren, an dieser Zeitschrift mitarbeiten sollte! Das konnte ein gewaltiges Fiasko geben, wenn von jetzt an i c h die Milchbäder der Gabriele Strehle besingen oder die Heldentaten von Geissen, Kerner & Co. rühmen sollte! Und als ich an diesem Abend zufällig an dem Glaspalast mit der Leuchtschrift „Komet Media Group“ vorbeikam, hatte ich Angst, dort übermorgen im dritten Stock mein Büro zu beziehen – und diese Angst war nicht unbegründet.

Stefan Wimmer

Was ist aus dem „Playboy“ geworden? Auch wenn das Heft im Roman „Der König von Mexiko“ von Stefan Wimmer nur als „Busenmagazin“ firmiert, ist doch der Bezug eindeutig. Wie sein Protagonist kam der Autor nach Deutschland zurück, um einen Redakteurs-Job anzutreten. (Verlag Hardcover: Eichborn, Taschenbuch: Heyne) Seit ein paar Monaten ist Stefan Wimmer übrigens wieder in Mexiko.

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Foto: Mit oder ohne Playboy auf der Couch von Michael Dressel

Der Playboy

das meinen die Männer, von Escapade befragt

Ich assoziiere: Sportwagen, Yachthafen, schöne Frauen im Dutzend (aber nicht billiger), dicke Hose eher vom Portemonnaie, genetische Abstammung vom König, größter Nutznießer des medizinischen Fortschritts und Außerkraftsetzen aller psychologischen Ansätze (wie Hugh Hefner eindrucksvoll bewiesen hat - wer eine 60 Jahre jüngere Frau heiratet, hat nichts mehr mit der berühmt-berüchtigten Vater-Tochter-Nummer zu tun... ob es einen Großvater-Tochter-Ansatz gibt?)

Heino Schütten, Köln

Ein Playboy ist ein Mensch, der die Fähigkeit hat, vollkommene Nutzlosigkeit wie beneidenswerte Kunst erscheinen zu lassen.

Harald Gantzberg, Hannover

Gunther Sachs war der letzte....Ein Playboy ist ein Mann, dem Frauen vertrauen, obwohl sie wissen, dass sie ihm nicht vertrauen können.

Thomas Diekmann, Hamburg

Playboy = Appetizer-Fan

Peter Rüchel, Köln

Der Begriff Playboy ist längst nicht mehr zeitgemäß, scheint mir ein sprachlich überholtes Relikt aus den fünfziger bis siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu sein. Alle mehr oder minder prominenten Personen, die mir unter diesem Begriff in Erinnerung sind, wurden entweder nie oder erst im hohen Alter wirklich erwachsen. Meist waren es Personen, die einem durchaus gut betuchten Milieu entstammten, die sozusagen schon "mit dem goldenen Löffel im Mund" geboren wurden und insofern meist nie unter materiellem, existentiellem oder finanziellem Mangel aufwuchsen. Sie waren meist (wie im Beispiel Gunter Sachs) "von Beruf Sohn" und konnten es entsprechend "krachen lassen", kompensierten nicht selten (wie beispielsweise Rolf Eden oder Hugh Hefner) mangelnde soziale Kompetenz durch künstlich zur Schau gestellte Potenz.
Insgesamt besitzt der Begriff Playboy für mich eine klar negative Konnotation: mehr Schein als Sein. Letztlich umschreibt der Begriff nach meinem Verständnis ein eher am Leben und an der Realität gescheitertes, bedauernswertes Geschöpf - siehe Arndt von Bohlen und Halbach.

Anno Nühm, Köln

Ein Playboy aus Frankfurt am Main
wird nie Meister der Lebenskunst sein.
Denn woran gebricht’s?
Er tut zuviel „Nichts“,
statt sich wirklich des Daseins zu freu’n!

Markus Schipke, München

Heino Schütten: bei der Berufsbezeichnung schlagen wir „Agenturchef“ vor, Heino meint daraufhin, dass es gut klingt, wenngleich auch irgendwie nach Playboy. – Harald Gantzberg findet es nicht besonders schwierig, Sänger einer HardCore-Punkband zu sein, im Alter das Haupthaar zu behalten dagegen schon. – Thomas Diekmann ist Medientrainer und Coach. – Peter Rüchel ist TV-Rock-Legende. – Anno Nühm heißt in Wirklichkeit anders. – Markus Schipke ist in München als Redakteur "auf Draht", sprich: online tätig. – Jörg Scholz reicht die Angabe: www.traktorimnetz.de Die anderen Fotos: exklusiv von Jacqueline Petite. Die Dame, die zeitweise einen Club in Acapulco mit Teddy Stauffer unterhielt, hat für uns ihr privates Fotoalbum geöffnet – Michael Dressel, gebürtiger Ost-Berliner, lebt als Soundeditor für Hollywoodproduktionen in L.A. fand das Motiv in B-Neukölln. Mehr von ihm: www.michaeldressel.com

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Foto und Montage: Jörg Scholz

Der Playboy?

Escapade live!

Am 30.6. ist es soweit: wir feiern die Veröffentlichung unserer Print-Ausgabe. Nun können alle unsere Fans, die ungern am Bildschirm lesen, in Ruhe blättern. Falsch! Nicht alle. Denn unsere Auflage ist streng limitiert.
Das Bühnenprogramm wird gestaltet von: Charlotte Kons, Armin Bings, Volker Elsen, Silke Vogten, Flora Jörgens und Überraschungsgästen. Dazu Bilder, kurze Filme, Sounds, Videokunst. Und Häppchen.
Ab 20 Uhr in der Fiffi-Bar, Severinswall 35, Köln-Südstadt, Reservierung: 0176/62 92 65 69, Einlass: 19 Uhr.

Impressum

Herausgeberinnen, Chefredakteurinnen, verantwortlich für den redaktionellen Inhalt:
Silke Vogten, Feldstr. 250, 46485 Wesel, 0281/3193966, S.Vogten@t-online.de
V.-Flora Jörgens, Blautannenweg 9, 50997 Köln, 02233/922485, FloraJoergens@t-online.de
Creative Supervisor (Screen), Stylesheet-Cascadeur: Markus Schipke

Flora Jörgens und Silke Vogten übernehmen keine Gewähr und keinerlei Haftung für Folgeschäden, die durch die Nutzung von Escapade belles-lettres entstehen. Wir sind bemüht, stets die Urheberrechte anderer zu beachten bzw. auf selbst erstellte sowie lizenzfreie Werke zurückzugreifen. Die erstellten Inhalte und Werke auf diesen Seiten unterliegen dem deutschen Urheberrecht. Beiträge Dritter sind als solche gekennzeichnet. Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung ausserhalb der Grenzen des Urheberrechtes bedürfen der schriftlichen Zustimmung des jeweiligen Autors bzw. Erstellers. Downloads und Kopien dieser Seite sind nur für den privaten, nicht kommerziellen Gebrauch gestattet.

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Nr. 5 Mai 2011

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Editorial

Liebe Freunde, Kollegen, Medienschaffende,

„Verführerin Trösterin Mode“ – so heißt ein kleines Buch, das Walter Erben im Jahre 1955 veröffentlichte. Besser kann man’s nicht sagen. Wollen wir dem dennoch etwas hinzufügen? Ja! Jede Menge!

Denn in der aktuellen Ausgabe widmen wir uns der Verführerin voll und ganz – der Mode. (Wurde ja auch Zeit!)
Und das auf sehr unterschiedliche Weise. So gehen unsere Autoren (die diesmal alle mehr oder weniger aus dem Bereich der Mode kommen) ihr Verhältnis zur Mode mal essayistisch und zeitgeschichtlich, mal autobiographisch, dann prosaisch oder auch recht grotesk an…

So finden wir uns wieder zwischen durchgeknallten Redakteurinnen für Berufsmode, die nach den richtigen Worten ringen und erleben eine zweifelnde Deutsch-Afghanin auf der Suche nach dem Kleid, das es allen recht macht. Wir begleiten eine junge Verfechterin der gerechten Sache vor dem heimischen Kleiderschrank, wo sie umstrittene Mauerblümchen mit allen Tricks und Kniffen vor dem „Ausgemistet werden“ verteidigt.

Nicht zu vergessen, der elegante Exkurs in die Geschichte der Caprihose und wie ein Schlitz einen Skandal auslöste…

Die Fotographien von Vera Keysers und Dirk Bannert zum Thema führen in ein ganz eigenes Mode-Wunderland…

Sucht euch was aus!
Immer auf der Suche nach dem ultimativen Fummel

Eure,
Silke Vogten und Flora Jörgens

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Foto: Dirk Bannert

Fotograf Dirk Bannert, Jahrgang 1967, lebt zurzeit am Niederrhein. Alle hier gezeigten Aufnahmen entstanden in Köln für ein Modelabel, einige davon wurden im Magazin Heimatdesign veröffentlicht. Mehr Infos und Portfolio unter www.foto-bannert.de

Mode braucht Platz

Ausmisten

Mein Freund steht vor dem Kleiderschrank. Stirnrunzeln, ein Seufzen. Er dreht sich zu mir um. „Es hilft nix, der Schrank platzt aus allen Nähten. Wir müssen mal wieder ausmisten.“ Platz für Neues schaffen, frischer Wind in der Garderobe – schön… Aber dafür das geliebte Alte wegwerfen? „Können wir nicht einfach einen neuen Schrank kaufen?“ Ein Grinsen. „Keine Chance. Wir machen es wie immer: du sortierst meine Sachen aus und ich deine.“ Meine kommen als erstes. Verdammt, ob nicht schon genug Platz im Schrank wäre, wenn wir seine Sachen zuerst aussortieren…? Aber es hilft nichts, er hat schon das erste Teil in der Hand. „Kann weg?“ fragt er. Ich bin schockiert. „Das? Nein!“ Das kennt er schon, mein empörtes Gesicht lässt ihn nicht so einfach nachgeben. „Wann hattest du es denn das letzte Mal an?“ Das wiederum kenne ich sehr gut. Die alles entscheidende Frage. Um das Teil zu retten, muss ich mit harten Bandagen kämpfen. Als bekennender Fan der TV-Serie „Lie to me“, bei der Experten durch angewandte Psychologie Lügner entlarven, habe ich mich bestens auf solche Situationen vorbereitet. Man darf mit der Antwort nicht sofort herausplatzen, aber auch nicht zu lange warten. Ein kurzer Blick zur Seite, als würde man sich auf die Erinnerung konzentrieren, eine klare Aussage, allerdings auch nicht zu präzise, sonst wirkt es unglaubwürdig. „Hmm… länger als 2 Monate ist das bestimmt nicht her.“ Er schaut mich prüfend an. Scheint abzuwägen. Zu überlegen, ob er mich in diesem Teil tatsächlich gesehen hat. Ein Nicken. „Na gut. Dann kommt es wieder zurück.“ YES! Sieg! Ein kurzer Moment des Triumphs, während er sich wegdreht. Aber nicht zu lange, denn schon hält er das nächste in der Hand. Ein weißer, knielanger Rock. Zugegeben, er ist fast durchsichtig. Verknittert schnell. Und schnürt ein bisschen ein, schließlich ist er schon 4 Jahre alt. Aber hey – an dem Teil hängen Erinnerungen. Den hatte ich bei meiner mündlichen Abiprüfung an. Das war bevor ich wusste, dass er gegen die Sonne durchsichtig wird. Und er hat mir Glück gebracht. Ein liebgewonnener Freund. Dass ich ihn seit zwei Jahren nicht mehr anhatte, muss mein Freund ja nicht wissen… Offenbar habe ich schon zu lange überlegt, er schaut mich skeptisch an. Die Schlacht geht in die nächste Runde…

Ein bis zwei Kleidungsstücke lasse ich ihn aussortieren, alles brauche ich ja wirklich nicht. Kleine Erfolgserlebnisse tun schließlich gut. Jetzt ist sein Teil vom Schrank an der Reihe. Und durch meine TV-psychologische Weiterbildung vom Mittwochabend kann ich die Tricks und Kniffe nicht nur anwenden, sondern auch erkennen… Frühjahrstrends, ich komme. Bald ist wieder genug Platz im Schrank.

Daniela Pinkowski

Daniela Pinkowski, Jahrgang 1987, bezieht ihr Einkommen in der schreibenden Zunft und plädiert dafür, dass Texte zukünftig nicht mehr von Kunden oder Interviewpartnern freigegeben werden, sondern vom Blabla-Meter.

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Foto: Dirk Bannert

Mode schätzt Skandale

Ein Hauch von Dolce Vita

Arbeit adelt. Auch dann, wenn bereits blaues Blut in den Adern fließt. Wie bei Emilio Pucci (1914-1992), einem Marchese di Barsento, der aus jener Aristokratenfamilie Italiens stammte, die im 16. Jahrhundert mit Kardinal Pucci den mächtigsten Mann der Kurie stellte. Emilio Pucci wurde der erste seines Adelsgeschlechts in 1000 Jahren, der gearbeitet hat.

Eigentlich war Emilio Pucci für den diplomatischen Dienst bestimmt. Der Florentiner wurde stattdessen Bomberpilot und Abenteurer mit einem Doktorhut aus den USA im Fach Politische Wissenschaft. 1934 gehörte er zum olympischen Skiteam Italiens und entwarf nebenher für seine Kollegen Skianzüge. Eine Affäre mit Mussolinis Tochter Edda wurde dem Duce-Anhänger fast zum Verhängnis, brachte ihm Haft ein. Pucci wich in die neutrale Schweiz aus. Toni Frissell, eine Modefotografin von „Harper’s Bazaar“, entdeckte 1947 den sportlichen Italiener im selbst entworfenen farbenfrohen Schneeanzug auf den Skipisten von St. Moritz. Die Amerikanerin war hin und weg, und schon bald präsentierte sie Puccis Skimode in ihrem Magazin.

Der Adelsspross trat ins Modebusiness ein und stieg in den 1950-er und 1960-er Jahren zu einem Top-Designer der internationalen Modeszene auf. Die ersten Teile produzierte er noch im zur Fabrik umgebauten Palazzo der Familie. 1949 eröffnete der Marchese die Boutique „La Canzone del Mare“ dort, wo er zuvor meist den Sommer verbracht hatte, auf Capri. Die Mittelmeerinsel galt damals als supermondän, hier tummelten sich die betuchten Nichtstuer der westlichen Welt. Ihr Motto: „fare bella figura“. Die Damen- und Herrenmode aus der Via Camerelle unweit der Marina Piccola wurde zum Geheimtipp. Capri war für die Deutschen damals schier unerreichbar. So weit weg, dass Rudi Schurickes Schnulze „Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt“ Fernweh erzeugte. Auf der Insel stellte der Modeschöpfer 1950 seine Kollektion vor. Sofort fiel seine Sporthose für Damen auf, eine Absage an die herrenmäßig geschnittenen Hosen aus der Zeit vor und während des Krieges. Seine Pantaloni waren nach dem Vorbild capresischer Fischerhosen geschnitten, also Hosen, die nicht nass werden, wenn der Fischer aus dem Boot steigt. Pucci taufte seine Kreation „Caprihose“.

Diese Freizeithosen waren um die Hüfte herum locker und bequem geschnitten, reichten nur bis zur halben Wade und wurden unten recht eng. Nur dank der etwa 12 Zentimeter langen seitlichen Schlitze konnte das Beinkleid überhaupt angezogen werden. Vulgär sieht anders aus. Dennoch verursachte Puccis Hose, besonders deren kessen Schlitze, einen Skandal. Die am Körper eng anliegende Hose, die nackte Waden und Fußknöchel hervorblitzen ließ, löste Debatten über Moral und Anstand aus, im katholischen Italien ebenso wie in Adenauer-Deutschland. Hosen galten auch fünf Jahre nach der Nazidiktatur für Frauen als unschicklich. Die sportlich freche Kreation, auch Piratenhose genannt, pustete eine frische Brise in die Damenmode. Pucci war seiner Zeit weit voraus. Als Capri Pants eroberten sie die Welt der Mode – mit Hilfe von Ikonen der 50-er Jahre - allen voran Audrey Hepburn, Marilyn Monroe, Brigitte Bardot, Liz Taylor und etwas später Jackie Kennedy, die diese Dreiviertelhose mit Nonchalance vorführten. Ein gutes Jahrzehnt später, als der Vatikan Miniröcke als „unzüchtig“ verbot, sehnten sich die Gegner der Minimode nach der – im Vergleich zu den Röcken der Mary Quant – doch eher braven Fischerhose zurück.

Heute fügt sich das Kleidungsstück in jeden Dresscode. Durchaus figurbetont, überzeugt diese Hose durch Leichtigkeit und Sportlichkeit, passt zu Ballerinas ebenso wie zu Stoffschuhen. Ob mit T-Shirt oder in Kombination mit Pumps und Blazer, stets ist die Capri-Hose richtig. Sie eignet sich fürs Büro ebenso wie für Ausflüge mit dem Rad oder Wanderungen am Strand. Wer danach noch ins Restaurant gehen will, kann die Hose gleich anbehalten. Sie ist im Laufe der Jahre ein Klassiker geworden, steht für Chic Made in Italy und sorgt – immer noch - für einen Hauch von Dolce Vita.

Wolfgang Herbrandt

Wolfgang Herbrandt, Jahrgang 1946 ist freier Journalist. Er wurde in der „Samt und Seide Stadt“ Krefeld geboren und lebt am Niederrhein. Er ist ein Grand Seigneur der Modewelt, kaum einer schreibt kenntnisreicher und eleganter über Alltag, Zeitgeschichte und die Geschichte der Mode. Aus seinem unerschöpflichen Fundus zog er für uns die Capri-Hose raus!

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Doppelfoto: Dirk Bannert

Mode liebt Freiheit

Traum aus cognacfarbenem Chiffon

Die Welt wird heller, das Gras wird grüner und die Mode knapper – der Frühling ist da! Die Jahreszeit, in der viele Afghanen sich plötzlich dazu entschließen, mal einfach so im Sommer zu heiraten. Die Einladungen häufen sich und der Dresscode ist Gesetz: „elegant“ – na prima, die Suche nach dem perfekten Kleid beginnt… auch wenn die Feier erst Ende August stattfindet. Lang muss es sein, auf jeden Fall neu, nicht zu schlicht und wehe dir, du zeigst zu viel Haut.

„Ach, die mit dem nackten Kleid auf der Hochzeitsfeier im Sommer 2001?“ Ob du zwischenzeitlich zur Nobelpreisträgerin gekürt wurdest oder dir in der Politik einen Namen gemacht hast, interessiert da herzlich wenige – du bist und bleibst „die eine da mit dem nackten Kleid auf der Hochzeit im Sommer 2001“. Will dieser Stempel verhindert werden, braucht es lange und intensive Recherche und etliche Diskussionen mit der Mutter. Ohne ihren Segen sollte kein Cent auf ein Kleid verschwendet werden. Auch nicht mit 28 Jahren! „Das ist kein Kleid, sondern ein Stück Stoff!“, wird der wunderschöne cognacfarbene Traum aus Chiffon degradiert. Wie bitte? Eine Schulter und ein wenig Rücken blitzen heraus, der Rest des Körpers wird elegant und modern vom anschmiegsamen Material bedeckt.

Ohne viel Bling Bling

Nächstes Bild, nächstes Kleid, die K.O.-Kriterien sind nun bekannt – waren sie immer schon, aber ein Versuch war es wert. Nach gefühlten zwei Stunden Kleidergucken folgt die obligatorische Frage: „Weshalb nicht einfach afghanische Mode?“ In Modemetropolen dieser Welt jagt ein modisches Großereignis das nächste. Auf Fashionshows prägen Farben, Handwerk und die Kultur der Designer den Ruf des Catwalks. Nichts anderes präsentiert die afghanische Modepuppe. Bunt beschmückte Kleider mit sehr aufwendigen Stickereien, die durch und durch mit kleinen Spiegelchen und Pailletten verziert sind. Dazu wird konventioneller Silberschmuck getragen und der Vergleich mit einem hübschen Weihnachtsbaum ist nicht mehr ganz so abwegig. „Lebaas-e-Afghani“ – die traditionelle Tracht hat eine besondere symbolische Bedeutung und sorgt bei Exil-Afghanen nicht selten für große Begeisterung. Auf besonderen Anlässen im Westen offenbart die Wahl dieser kostspieligen Gewandung die Identität und spricht dafür, dass die Wurzeln nicht in Vergessenheit geraten sind. Jede verschiedene ethnische Volksgruppe in Afghanistan hat aber auch ihre typische Trachtbearbeitung, die sie von den anderen Volksgruppen unterscheidet. Der Stoff ist schwer und das Geklimper lenkt im Alltag vom Alltag ab. Bei einer Zeremonie im Sommer wäre die Wahl dieser Klamotte eine Kriegserklärung an das Make-up. Transpiration vorprogrammiert – somit ein No-Go! Selbst in konservativen Dörfern Afghanistan wehren sich die Mädchen und Frauen gegen diese etwaigen Hitzewallungen. Dort greifen diese auf die „Punjabi“ zurück, welche eigentümlich eine indisch-pakistanisch Bekleidung ist. Atmungsaktiv, leicht und praktisch und ohne viel Bling Bling.

Zurück nach Deutschland. Während der Frust der erfolglosen Kleidersuche beim Suchenden immer größer wird, verfällt der gnadenlose Kritiker (hier: die Mutter) beim Anblick der Bilder in Melancholie. Chiffon, Samt und Seide sind der afghanischen Frau keineswegs fremd. In Afghanistan gab und gibt es mehr als nur die so genannte Burqa. Schon in den frühen 70er Jahren verführten junge Damen mit knielangen, figurbetonten Kleidern die wartenden Männer auf dem Unigelände. Die Mode veränderte sich – und mit ihr auch die Einstellung dazu. Heute und weit weg vom Hindukusch erzeugen nackte Schultern einen Aufruhr auf irgendwelchen Festlichkeiten und die Tragende erreicht Bekanntheit. Schließlich ist man „…die Eine da mit dem nackten Kleid auf der Hochzeit im Sommer 2011!“ Après nous le déluge! Bestellung abgeschickt! Hallo, du Traum aus cognacfarbenem Chiffon!

Nasirah R.

Nasirah R., wurde 1983 als fünftes Kind in eine Großfamilie geboren. Hat in Kabul ihre ersten Schritte gelernt, im Siegerland und Koblenz die Schulbank gedrückt, in Düsseldorf SoWi studiert und in Neuss den Berufseinstieg gewagt. Fortsetzung folgt... „MIMAS“ wird sie neudeutsch genannt. „Mensch mit Migrationshintergrund". Ein Geschenk, wie sie findet, und das teilt sie dann auch gerne mit Anderen. Sei es anhand einer Kolumne "Tanz auf zwei Hochzeiten" im MiGAZIN www.migazin.de oder einfach nur in spannenden Unterhaltungen mit Freunden und Bekannten.

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Fotos: Vera Keysers

Die Fotografin Vera Keysers, Jahrgang 1981, lebt in Essen und steckt gerade in ihren Abschlussprüfungen / Studiengang Kommunikationsdesign an der Folkwang Hochschule.

Mode dreht durch

Insider-Gespräch

Frühling. Düsseldorf. Nachmittag. 15.45 Uhr.
In einem Redaktionsbüro für Berufsmode.
Zwei Frauen.

Hummel Sprenger: Hör mal zu. Kann ich das so schreiben…?
Toxi Reuter: Lies vor.
Hummel Sprenger: Für Workerinnen in Industrie und Handwerk gibt es eine spezielle Damenworkerhose…
Toxi Reuter: Ha.
Hummel Sprenger: …Diese passt sich durch ihren Schnitt besonders gut an die Körperproportionen von Frauen an.
Pause. Kurzes Aufblicken.
Hummel Sprenger: Ist das unverfänglich? Lassen die das durchgehen?
Toxi Reuter: Nein. Ich würde dich dafür auf den elektrischen Stuhl setzen. Sag den nächsten Satz.
Hummel Sprenger: Darüber hinaus werden Poloshirts in Damenpassform in unterschiedlichsten Farben angeboten,…
Toxi Reuter: Ist ja ekelhaft.
Hummel Sprenger: …die optimal mit verschiedenen Kollektionsteilen kombiniert werden können.
Toxi Reuter: Widerlich.

Hemmungsloses Gekreische. Hysterisches Lachen. Fortgeschrittene Déformation professionelle.

Hummel Sprenger: Stimmt. Das wird im Korrekturmodus wieder alles knallrot.
Toxi Reuter: Ach, scheiß drauf. Komm, schick‘s raus.

(Anmerkung der Redakteurinnen: „Wenn Sie sich ebenfalls den ebenso interessanten wie wohlklingenden Namen eines Pornostars zulegen möchten, dann denken Sie an den Namen ihres ersten Haustieres und kombinieren Sie diesen mit dem Mädchennamen Ihrer Mutter.“)

Die Moderedakteurinnen Hummel Sprenger und Toxi Reuter widmen sich sicher auch in diesem Augenblick ihren ausgefeilten Texten, bei denen um jedes Wort kunstvoll gerungen und verzweifelt auf Freigabe durch höhere Mächte gehofft wird.

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Foto: Dirk Bannert

Mode und Mega-Holdings

Designer-Dämmerung

So viel steht fest: Die Mode ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Die Zeiten, in denen sich die Mode immer wieder komplett neu erfand und die Stilisten nie Dagewesenes kreierten, die modische Revolution ausriefen und Trends diktierten, liegen lange zurück. Wirklich „neu“ ist die Mode mittlerweile selten. Und auch von Trend-Diktaten kann keine Rede mehr sein, was ja kaum ein Nachteil ist. Doch echte Visionen zu entwickeln – damit tun sich die Kreativen von heute scheinbar schwer.

Statt textile Träume heraufzubeschwören, entwerfen die Protagonisten der in eine Hand voll Mega-Holdings unterteilten Luxuszwirn-Branche erst mal die gewünschten Marketing- und Vertriebs-Konzepte – und die passende Mode dazu, klar, die findet sich dann auch noch. Und fast wichtiger als die Klamotten selbst sind die richtigen Liefertermine. Die Saisonrhythmen sind immer schneller geworden in den letzten zwanzig Jahren. Statt einer Kollektion für den Winter und einer für den Sommer gibt es längst Cruise-, Christmas-, Zwischen-, Vor- und Hauptkollektion plus Nachlieferprogramme. Und aller vertriebstechnischen und konzeptionellen Verrenkungen zum Trotz: Geld verdient wird mit Schuhen, Taschen und Kosmetik.

Auf der Strecke bleiben oft Phantasie, Experimentierfreude, Humor, Charme, Mut und Leidenschaft einer Zunft, die doch eigentlich von nichts anderem leben sollte als eben diesen Eigenschaften. Doch wer nicht kühl kalkulieren kann, den bestraft die Branche. Je mehr Sicherheit die Einkäufer der Modeketten und –konzerne suchen, desto entschlossener flüchten sich die Kreateure in Altbewährtes. Natürlich gibt es – ein Blick auf die Arbeit eines Raf Simons für die Jil-Sander-Kollektion zum Beispiel genügt - immer Ausnahmen. Und doch zitieren die Designer heute mit Vorliebe die Vergangenheit. Und schrecken dabei vor nichts zurück: Nicht mal vor den Achtzigern.

Zugegeben, die modische Revolution auszurufen war früher im Vergleich ein Kinderspiel. Was gab es nicht alles für alte Zöpfe abzuschneiden, Zwänge zu entsorgen, Grenzen zu überschreiten. Man denke nur Paul Poiret und Madeleine Vionnet, die Anfang des 20. Jahrhunderts die Frauen vom Korsett befreiten. Oder an Coco Chanel, die noch einen Schritt weiter ging und den Baumwolljersey in die Damenmode importierte, um den Frauen daraus legere, sportliche und deutlich kürzere Kleider zu schneidern. Was wiederum dazu führte, dass Eleganz fortan völlig neu definiert wurde.

Die nächste stilistische Revolte zettelte Christian Dior im Februar 1947 mit seiner ersten Kollektion im noblen „New Look“ an: Schlagartig waren schmale Taillen und weitschwingende Röcke en vogue und der Trümmerfrauen-Look passé. Mary Quant hat seit 1962 offiziell das Copyright für den Minirock inne, das jedoch auch André Courrèges gern für sich beanspruchen würde, der im Übrigen mit seinem spacigen „Courrèges-Look“ das modische Comme-il-faut der gesamten Dekade diktierte. Yves Saint-Laurent schuf 1965 „Le Smoking“, den Smoking für die Frau. Giorgio Armani fügte der Geschichte der Damenmode in den Siebzigern das Herren-Jackett für jeden Tag hinzu. Beide hatten damit den Grundstein gelegt für die Androgynisierung der Mode, die das Geschehen auf den Laufstegen bis heute prägt. Und die legendären Avantgardisten der Neunziger, Yamamoto, Kawakubo und Miyake, sind im Grunde ohne Erben geblieben. Von ihren Ideen zehrt die ganze, sich immer wieder selbst zitierende Zunft. Bis heute.

Und was bleibt uns, am Ende des Tages? Vielleicht die Freude am Original: Der Charme einer Audrey Hepburn in ihrem legendären „Kleinen Schwarzen“ in „Frühstück bei Tiffany“, der Sex-Appeal der Liz Taylor in perfekter weißer Bluse und Bleistiftrock in „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ – die makellose Schönheit der ewigen Klassiker hat nichts von ihrem Zauber verloren. Bis heute.

Annette Gilles

Annette Gilles war zunächst Mode-Einkäuferin, dann viele Jahre Mode-Redakteurin und leitete schließlich das Damenmode-Ressort der “Textil-Wirtschaft”, lebt heute als freie Journalistin in der Nähe von Frankfurt.

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Nr. 4 April 2011

Escapade_head_marz

Editorial

Liebe Freunde, Kollegen, Medienschaffende,

haben wir uns beschwert? "Männer können kochen... Frauen müssen kochen!" Nein. Wir wünschen uns einfach alle an den Herd, die dort gerne stehen, dann schmeckt's am besten. Aber doch interessant, dass unsere dritte Ausgabe 2011 mit dem Thema "Küche" fast ausschließlich Männer präsentiert.

Haute Cuisine auf ***Niveau kommt von Gregor Weber, unserem liebsten "Tatort"-Kommissar. Am Herd kann kann ihm keiner das Wasser reichen. Denn der Schauspieler hat mit Mitte 30 eine Ausbildung als Koch in einem Sterne-Restaurant absolviert, weil er mal was anderes machen wollte.

Aus einem Buch, das am Montag erst erschienen ist, servieren wir Euch eine Passage über das "Kochen" mit Günther. Christian Bartel, einer der bekanntesten Poetry-Slammer Deutschlands, beschreibt eine ganz schräge Menu-Zubereitung in seinem "Zivildienstroman". Visuell auf- (und zu-) bereitet wird Escapade belles-lettres dieses Mal geschmackvoll von HJ Bremen; Gerd Neuhaus kocht auch nur mit Wasser, und die junge Fotografin Ina Anderle bewahrt als einzige Frau hier einen kühlen Kopf.

Einen Apéritif haben wir noch: Escapade-Print ist da! Ihr könnt jetzt schon bei uns ordern, wir haben eine sehr limitierte Auflage, die wir demnächst  noch genauer vorstellen.

Bon appétit wünschen immer hungrig

Eure,
Flora Jörgens und Silke Vogten

Kuhlschrank

Foto: Miss Confused von Ina Anderle

Ina Anderle lebt und arbeitet am Starnberger See. Mehr von ihr unter www.ars24.net

Aperitif

Foto: Ein Glas vorn von HJ Bremen

Hermann-Josef Bremen kann nicht kochen und muss nicht kochen. Seine Frau Marliese ist nämlich nicht zu übertreffen. Kreationen wie Graupenrisotto mit Steinpilzen zu selbstgebeiztem Lachs auf feinstem Porzellan sind Standard. Und wenn die Köchin des Hauses eine Auszeit braucht, geht sie mit ihrem fotografierenden Mann ins Restaurant der Tochter, das im Kölner Raum herausragend ist. www.glaewesrestaurant.de

Kochen ist Krieg

High End

Der Souschef mustert mich nervös, er überlegt, womit er mich jetzt beschäftigen könnte, "irgendwie is des unnergegange, dass du heut da bist. Hätt ich dir nämlich der ganse Schnibbelkram auffs Au gedrückt", babbelt der gebürtige Pfälzer von der Loreley, "egal, mir finne schun was."
Wo es in anderen, simpleren Küchen bei der Einarbeitung von neuen Köchen immer genug Aufgaben gibt, die man bedenkenlos und gerne delegiert, ist das hier eben nicht so einfach. Man muss nämlich auch bei einem geprüften Facharbeiter wie mir erst mal gucken, ob der auch bei einfachsten Vorbereitungsarbeiten so exakt, selbstständig und schnell arbeitet, dass man nicht ein paar Stunden später bei der Betrachtung seines Beitrages zum Mis-en-place einen Herzinfarkt bekommt, weil er unter "Brunoises" etwas versteht, was hier allenfalls als grober Würfel durchgeht, oder aber der Kerl zur Herstellung derselben eine Stunde braucht, das Zeug aber schon in zwanzig Minuten blanchiert und abgeschreckt in der Kühlschublade liegen muss. Und den "Schnibbelkram", den man Obskuranten wie mir aufs Auge drücken kann, ohne sie die ganze Zeit unter Beobachtung zu halten, den haben Maus und die Kollegen heute schon längst hinter sich gebracht.

Aber ein Souschef wäre kein Souschef, wenn er nicht etwas zu tun fände, und so darf ich mich mit einem Teil der Amuse-Gueule-Vorbereitungen befassen. Ein Blech voller kleiner runder Teigplätzchen, Durchmesser etwa fünf Zentimeter, muss belegt werden. Zunächst soll ich auf jedes einen winzigen Klecks hausgemachtes Basilikumpesto aufstreichen, genau in die Mitte, darauf kommt dann ein kleiner Würfel Mozzarella, darauf wiederum eine Ofentomate, die dann später ein Topping von Oliventapenade kriegt. Eine Ofentomate ist hier nicht etwa eine im Ganzen getrocknete Frucht: Die Tomaten wurden überbrüht, geschält, geachtelt, entkernt und dann mit Öl, Salz, Pfeffer, Knoblauch und Kräutern im Ofen getrocknet. Das ergibt viele sehr dünne und zerbrechliche Spitzovale, die auf geöltem Backpapier zum Liegen kommen, immer etwa zehn pro Lage. Je zwei dieser Tomatenstücke müssen zu einem flachen, viereckigen Paket zusammengelegt werden, das dann seinen Platz auf dem Mozzarella findet. Es ist schwierig, die Tomatenstücke unbeschädigt vom Papier zu lösen, es ist noch schwieriger, sie zu besagtem Paket zu falten.

Die Finger werden immer öliger, die Tomaten scheinbar immer empfindlicher, und bei jedem Stück, das hoffnungslos in Fetzen gegangen ist, stell ich mir vor, wie der Entremetier bei jeder von mir ruinierten Tomate sein Messer fester halten muss, damit es nicht wie ferngelenkt seinen Weg in mein Bein findet. Der Mann bringt alle zwei oder drei Tage sicher eine Stunde - ohne das Trocknen - mit der Herstellung dieser Ofentomate zu, eine Arbeit, die bei mir wenigstens zwei Stunden dauern würde. Patrick Maus greift immer wieder ein und zeigt mir, wie man mit eineinhalb Fingergriffen Pakete formt, die aussehen, als hätte sie eine Ofentomatenfaltmaschine hergestellt, alle genau gleich. Wenn ich nicht schon zwei- bis dreitausend solcher frustrierender Erfahrungen in Küchen gemacht hätte, würde ich jetzt wie ein Dreijähriger schmollen.

Gregor Weber

Kochen_ist_krieg

Gregor Weber, geboren 1968, Koch, Schauspieler und Drehbuchautor, bekannt als Sohn Stefan der "Familie Heinz Becker" und Hauptkommissar Deininger im saarländischen "Tatort". Ein Ausschnitt aus seinem Buch "Kochen ist Krieg!", (Piper Verlag) zehn Reportagen aus ganz unterschiedlichen Profiküchen Deutschlands. Beim o.a. 3-Sterne-Restaurant verzweifelt Weber, der im Sterne-Restaurant "Vau" ausgebildet wurde, am Segmentieren einer Orange: die einzelnen Fruchtfasern müssen herausgelöst werden... Das sehr lesenswerte Buch landete bereits auf der "Spiegel"-Bestseller-Liste. Wir freuen uns, Gregor Weber, der "Escapade-Abonnent" ist, nachdrucken zu dürfen.

Tomate
Zitrone

Fotos: Tomate und Zitrone von HJ Bremen

Kochen braucht Zeit

Günther und die Zwiebel

Wir müssen dann auch mal loslegen, sage ich - in dreieinhalb Stunden ist Abendessen, und Günther soll bis dahin eine Zwiebel kleingeschnitten haben. Er tut das sehr gerne, aber meist gibt es die Zwiebel zum Nachtisch, weil Günther erst dann mit Schneiden fertig ist, trotzdem besteht er jedes Mal drauf.
Wenn dienstags keine Zwiebeln im Haus sind, legt sich Günther sofort ins Bett, starrt die Wand an und geht am nächsten Tag nicht arbeiten.

Das ganze Behindertenbusiness ist so ein hochsensibles Ökosystem mit ellenlangen Interdepenzketten, und wenn nur ein winziges Detail verändert wird, gerät alles aus den Fugen, denn wenn z.B. Günther wegen der fehlenden Zwiebel am nächsten Tag nicht arbeiten gehen kann, ärgert sich seine Kollegin Annika aus der Behindertenwerkstatt darüber, lässt das in der Mittagspause an Traudchen aus, worauf Traudchen heimlich ihre Sachen packt und zu ihrer Lieblingsoma fahren will, um sich trösten zu lassen, obwohl sie vergessen hat, wo diese Lieblingsoma wohnt, die überdies vor zwölf Jahren verstorben ist, was Traudchen natürlich ebenfalls vergessen hat, und fünf Stunden später kommt dann ein Anruf von der Polizei, dass eine verwirrte Person abzuholen sei, die auf den Namen "Traudchen" hört und in einem gelben Haus mit roten Fenstern wohnt, bei dem die Frau Bernau Chef ist.
Und das alles wegen einer Zwiebel, muss man sich mal vorstellen. Seitdem bringe ich dienstags sicherheitshalber immer selber eine mit.

Erst legt Günther meine Zwiebel ganz vorsichtig auf das Brettchen und lächelt sie liebevoll an, bis ich sage, dass er jetzt mit dem Schälen anfangen kann. Neulich habe ich ausprobiert, was passiert, wenn ich nichts sage. Er hat die Zwiebel zwei Stunden lang freundlich angeguckt und dann versucht, das Usambara-Veilchen auf der Fensterbank in kleine Stücke zu hacken, weil es neben dem Schnittlauch stand.
Einmal hat Günther es sogar geschafft, den unteren Teil seines Gebisses in einer Lasagne zu verstecken. Honorarkraft Andi sagt, dass Günther dabei einen alten Echsen-Trick verwendet und sich so langsam bewegt habe, dass man die Bewegungen mit bloßem Auge gar nicht mehr habe wahrnehmen können. Wahrscheinlicher ist aber, dass den beiden bloß langweilig war und sie sich gedacht haben: "Na, lassen wir es drin, wird schon jemand finden", und so ist es dann ja auch gekommen.

Gerade steht Günther auf und sucht in der Schublade nach dem Messerchen mit dem roten Griff, denn wenn das nicht da ist, ist die Sache gelaufen und man muss alleine kochen.
Heute haben wir Glück, das Messer ist da, und während ich die Spülmaschine ausräume, die Küche fege und Salat putze, seziert Günther hochkonzentriert seine Zwiebel. Immer wenn er eine Scheibe abgeschnitten hat, hält er sie gegen das Licht und schaut sie genau an, dann legt er sie zur Seite und macht erst mal Päuschen.

Christian Bartel

Christian Bartel, Jahrgang 1975, lebt in Bonn, Mitglied der Lesebühnen "Der Kleingeist" und "Rock n Read". Poetry-Slammer, Satirenschreiber für die taz, Mitherausgeber von "Götter, Gurus und Gestörte" und des Magazins für komische Literatur "Exot". Er hat 2008 den Erzählband "Seit ich Tier bin" veröffentlicht. Der Auszug oben stammt aus seinem neuen Buch "Zivildienstroman", das am 21.3. erschienen ist (Carlsen-Verlag) Ein sehenswerter 4-Minüter über Christian Bartel findet sich unter www.carlsen.de/web/cartoon/buch?tn=168182

Fast_leerer_topf

Foto: Ein fast leerer Topf von Gerd Neuhaus

Fotograf Gerd Neuhaus aus Bochum-Wattenscheid stieß per Zufall auf Escapade als er im Internet nachforschte, weil er wissen wollte, wer ihn demnächst interviewt. Für uns fotografierte er "Kochkunst", so nennt er seine Serie, aus der wir nun ein Motiv präsentieren.

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